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Bitter im Abgang

Bitter im Abgang

Titel: Bitter im Abgang
Autoren: Aldo Cazzullo
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begann er, aus dem Gedächtnis zu zitieren: «‹Und er dachte, vielleicht würde am Abend seines Todestages irgendein Partisan an seiner Stelle oben auf dem höchsten Hügel stehen und auf die Stadt herabsehen. Und das war die Hauptsache: Einer musste auf jeden Fall überleben.› Kennst du das Zitat, Inspektor?»
    «Nein.»
    «Das ist ein Satz von meinem Freund. Amilcare Braida, Johnny. Dieser Satz hat mir immer gefallen. Ich dachte, eines Tages würde er vielleicht einen Sinn ergeben, und jetzt ist der Tag gekommen. Dieser eine, der einzige, der überlebt hat, bin ich.»

44

Alba,
Mittwoch, 28. April 2011, 11 Uhr
    Das Begräbnis von Domenico Moresco war das größte Ereignis in der Stadt seit dem Jahr der Überschwemmung. Anwesend waren Milliardäre aus halb Europa und die verblassten roten Fahnen der verblichenen Kommunistischen Partei mit Delegationen aller Parteien, die sie überlebt hatten. Es war eine weltliche Beerdigung ohne einen einzigen Priester. Auf der Gitarre wurden Partisanenlieder gespielt, allen voran «Bella ciao», das man hierzulande während des echten Krieges nie gehört hatte. Es wurden viele Fäuste gereckt, und vor dem Friedhof stieß man mit Barbaresco an.
    Vittoria, die Witwe, bewegte sich wie in Trance. Roberto Moresco hatte seine Mutter und seine Frau eingehakt und wich die ganze Zeit nicht von ihrer Seite; hin und wieder tauschte er verständnisvolle Blicke mit den Frauen, die ihm zuwinkten oder einen Handkuss zuwarfen. Lavinia machte Anstalten vorzutreten,blieb dann aber, als sie die Blicke der Damen Moresco trafen, lieber an ihrem Platz. Die Einzige, die keine Rücksicht nahm, war Sylvie. Sie und Roberto umarmten sich innig. Der Bürgermeister mit Trikolorenschärpe hielt eine lange Rede. Der Inspektor ließ sich nicht blicken. Antonio Tibaldi hatte einen Kranz geschickt.

45

Straße zwischen Alba
und Costamagna,
Sonntag, 25. April 2011, 5.30 Uhr
    Der Transporter fuhr langsam bergauf, nach jeder Serpentine ächzte der Motor, um wieder auf Touren zu kommen. Der Fahrer hatte den Sicherheitsgurt angelegt und achtete darauf, die vorgeschriebene Geschwindigkeit nicht zu überschreiten. Er wusste, dass Polizei und Carabinieri mit Vorliebe anständige Leute wie ihn stoppten. Und an diesem Morgen durfte er auf keinen Fall angehalten werden.
    In einer besonders scharfen Kurve hörte er, wie die Ladung verrutschte. Fluchend hielt er an, um nachzusehen. Zum Glück war fast nichts zu sehen, ein kleiner, unscheinbarer blauer Fleck an der rechten Schläfe. Mit einem Lächeln der Erleichterung fuhr er weiter. In der nächsten Kurve hörte er wieder ein dumpfes Geräusch, leiser diesmal. Vom Beifahrersitz war das Buch von Gaetano Gaetani heruntergefallen, «der letzte Krimi des Schriftstellers aus den Langhe», wie es auf der Bauchbinde hieß, zwar irreführend,aber kürzer als der echte, entschieden anmaßende Titel: «Die Kunst, mit einem Jagdgewehr ein einziges winziges Projektil abzufeuern.»
    Als Kind war er oft in diesen Wäldern gewesen, auf Trüffelsuche mit seinem Vater. Vorsorglich war er die Straße am Vortag noch einmal abgefahren. An diesem Morgen musste er die längere Strecke nehmen, um einem roten Panda mit zwei Trüffelsuchern auszuweichen. Zunächst bekam er es mit der Angst. Aber dann fiel ihm ein, dass die beiden Eindringlinge vielleicht nützlich sein könnten, um die Polizei auf eine falsche Fährte zu locken und Zeit zu gewinnen. Er rief Lavinia an. Sie saß schon im Auto und war unterwegs nach Fiumicino. Um acht würde ihr Flug in Caselle landen. Er hatte alle Zeit der Welt.
    Dann erreichte er die Stelle, an der ein Mann im Geländewagen seines Vaters auf ihn wartete. Alberto half ihm, einen Reifen zu zerstechen und die Leiche im Dornengebüsch zu drapieren. Dann holte Roberto Moresco das Nazi-Abzeichen aus der Tasche, das Alberto ihm vor vielen Jahren geschenkt hatte. Er zeigte es ihm, bevor er es auf die Leiche warf. Sie tauschten ein Lächeln, verschwörerisch das des Jüngeren, befriedigt das des Älteren. Alberto spürte, dass Virginia jetzt in Frieden ruhen konnte. Roberto hatte sich noch nie so selbstsicher gefühlt. Dann hoben sie gemeinsam den Blick zum ersten Tageslicht.

Anmerkung des Autors
    Alle Figuren dieser Geschichte sind reine Fantasieprodukte. Jede Ähnlichkeit mit realen Vorkommnissen oder realen Personen ist rein zufällig.
    Der 25. April 2011 war kein Ostersonntag, sondern ein Ostermontag. Der Bischof von Alba war im Krieg keine blasse Figur,

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