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Bienensterben: Roman (German Edition)

Bienensterben: Roman (German Edition)

Titel: Bienensterben: Roman (German Edition)
Autoren: Lisa O'Donnell
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religiöses Stück, das ihn in Windeseile fröhlicher stimmte.
    »In Gott wirst du immer eine Familie haben, Nelly, dass du das nie vergisst.«
    Marnie wirkte elend. Sie aß kaum einen Happen. Ihr Appetit lässt zu wünschen übrig in den letzten Wochen, eine entsetzliche Schande, zumal Lennie beträchtliche Zeit dafür aufgewendet hat, dass sie etwas auf die Rippen bekommt.
    Opa hat offensichtlich vergessen, dass ich eine Familie in Marnie habe, und ich frage mich, ob meine Schwester es wohl ebenso vergessen hat. Möglicherweise schon, fürchte ich. Lennie sagte, sie müsse stets daran erinnert werden. Er sagte mir vieles am Ende, doch insbesondere eines, und das darf ich nicht vergessen.

Marnie
    Nelly war total angepisst, aber was hätte ich denn machen sollen? Ich musste ja die Tasche holen. Sie ist die einzige Möglichkeit, hier rauszukommen. Er ist total ausgerastet, aber das war mir egal. Dafür bin ich zu verzweifelt. Ich bleib nicht hier, und er wird mir meine Schwester nicht wegnehmen. Er hat mir ja schon den Kontakt zu meinen Freunden verboten, und mit Freunden meint er Kim.
    Ich komm mir vor wie im Knast bei ihm. Jeden Tag muss ich vor der Schule die Taschen ausleeren, damit ich keine Kippen oder sonst irgendwas Verbotenes drinhab. Er durchsucht mich richtig, wie diese Leute auf Flughäfen, die deine Handtasche nach Bomben durchwühlen. Die verbotenen Sachen hat natürlich Kim. Gegen Viertel nach acht fährt er uns in seinem trostlosen kleinen Peugeot in die Schule und wir kommen meist so halb neun dort an, aber bis zum Klingeln um neun müssen wir bei ihm sitzen bleiben. Er fährt erst, wenn er gesehen hat, wie wir zum Schultor rein sind, und dann ruft er dreimal am Tag an, damit ich auch wirklich in Mathe oder Englisch sitze. Der geht mir so auf den Sack.
    Ich hab seit Wochen kaum mehr als zwei Worte mit Nelly geredet. Ich fühl mich so betrogen, weil sie mit ihm unter einer Decke steckt.
    Heute Morgen beim Frühstück mussten wir Kirchenlieder singen, aber Nelly hat sich geweigert zu spielen. Ihr tut der Nacken weh, hat sie gesagt.
    Herr, bleib bei mir, der Abend bricht herein.
    Es kommt die Nacht, die Finsternis fällt ein.
    Wo fänd ich Trost, wärst du, mein Gott, nicht hier?
    Hilf dem, der hilflos ist: Herr, bleib bei mir!
    Wie bald verebbt der Tag, das Leben weicht,
    mein Werk vergeht, der Erdenruhm verbleicht,
    umringt von Fall und Wandel leben wir.
    Unwandelbar bist du: Herr, bleib bei mir!
    Geführt von deiner Hand fürcht ich kein Leid,
    kein Unglück, keiner Trübsal Bitterkeit.
    Was ist der Tod, bist du mir Schild und Zier!
    Den Stachel nahmst du ihm, Herr, bleib bei mir!
    Wir müssen hier weg.

Nelly
    Er hat mich geohrfeigt. Er hat abgewartet, bis sie nicht hinsah, dann hat er mir eine Backpfeife gegeben.
    »Wenn ich dich bitte zu spielen, erwarte ich das von dir. Du hast ein Talent, aber es ist Gottes Talent, und du bist verpflichtet, andere daran teilhaben zu lassen.«
    »Ja«, flüstere ich.
    Er küsst mich auf die Stirn, und ich weine nicht.
    Auf der Fahrt zur Schule ist alles nass und grau. Wir kommen an Wohnblocks vorbei und überqueren Schnellstraßen, nichts ist warm. Ich beobachte ihn am Steuer, seine Nase ist rot und tropft vom Regen, und ich beobachte Marnie, die ihre ganze Aufmerksamkeit auf ihre Frisur richtet. Ich denke an die, die gegangen sind, an Vater, Mutter, Oma und Lennie, und frage mich, wie es ihnen wohl ergeht. Ich versuche, ihretwegen nicht zu weinen, nein, ich werde nicht weinen ihretwegen, deshalb nehme ich mir mein Buch und lese, was soll ich machen?

Marnie
    Sie hockt schmollend in der Cafeteria und blubbert wie ein kleines Kind in ihrer Milch.
    »Alles klar?«, frag ich.
    »Was interessiert dich das denn?«, murmelt sie.
    »Das interessiert mich sogar sehr.«
    »Was willst du?«, fragt sie und spielt mit ihrem Sandwich herum.
    »Ich kann nicht bei ihm bleiben«, sag ich zu ihr.
    »Ich weiß«, antwortet sie.
    »Also, was meinst du?«, frag ich.
    »Wozu?«
    »Dass wir verdammt noch mal von hier abhauen«, sag ich.
    Ich rechne mit Widerstand und Angst. Ich rechne mit Ausreden und allen möglichen Gründen, warum das nicht geht, aber mit einem Schlüsselbund rechne ich nicht.
    »Lennies Haus in Firemore«, sagt sie.
    »Wie lange hast du die schon?«
    »Lennie hat sie mir gegeben.«
    »Dann hätten wir ja schon vor einer halben Ewigkeit abhauen können, Nelly.«
    »Ich will aber bleiben. Der Sache eine Chance geben. So etwas wie eine Familie haben. Ich bin es

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