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Bienensterben: Roman (German Edition)

Bienensterben: Roman (German Edition)

Titel: Bienensterben: Roman (German Edition)
Autoren: Lisa O'Donnell
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Wand.
    » Verstanden , habe ich gefragt?«
    Marnie nickt und schleicht sich aus dem Zimmer.
    Es schmerzt mich durchaus, dass er Lennie ein »Monster« genannt hat, doch dann rufe ich mir ins Gedächtnis, dass das der Preis der neuen Realität ist, in der wir jetzt leben: Lennie ist ein Mörder und wir sind die unschuldigen Waisen.
    »Verzeihung, Großvater. Marnie denkt nicht so, wie es jetzt angemessen wäre.«
    Gleich ist das Abendessen fertig, sagt er. Es gibt Rindfleischpasteten aus der Tiefkühltruhe. Ich weiß, dass sie nicht schmecken werden, und überlege, wie ich es am geschicktesten anstelle, in seiner Küche das Kommando zu übernehmen.
    »Vielleicht kann ich dir helfen«, schlage ich vor.
    »Was willst du denn machen?«, brummt er.
    »Hast du Eier im Haus?«, frage ich.
    »Mehr als genug«, antwortet er.
    »Dann überlass das mal mir und sei unbesorgt«, versichere ich ihm.
    Wir müssen nach vorn blicken, und wir müssen diese Arbeit erledigen. Die Vergangenheit war gestern, und Robert T. Macdonald bedauert sie jetzt noch um ein Vielfaches mehr. Er ist unsere Familie, ob es Marnie schmeckt oder nicht, und wenn wir uns alle ein wenig Mühe geben, können wir miteinander auskommen. Es führt kein Weg daran vorbei, denn wir haben ja sonst niemanden, zu dem wir gehen können.

Marnie
    Bei Robert T. Macdonald müssen wir jeden Morgen Betten machen, aber nicht bloß so, wie wir es kennen, einfach die Decke drauf und fertig, sondern ganz glatt und akkurat. Ich komm mir vor wie in der Kaserne.
    Ich esse Porridge zum Frühstück und Nelly wie immer ihre Cola-Cornflakes. Fernsehen dürfen wir nur eine Stunde am Tag, und sonntags müssen wir in die Kirche. Wir müssen Röcke anziehen, aber als er meinen Minirock gesehen hat, hat er einen Anfall gekriegt, mich zu Oxfam geschleift und mir was langes, geblümtes Todhässliches gekauft. Ich hasse ihn.
    Nelly passt sich schnell an und will es ihm recht machen. So als ob sie irgendwie unter Gedächtnisschwund leidet und schon vergessen hat, was für ein Irrer ihr Opa in Wahrheit ist.
    Er hat Nelly das Zimmer gegeben, das ursprünglich für Izzy gedacht war, und sie darf es sich selber einrichten. Sie kriegt die Kohle für alles, was sie sich wünscht, während ich in dem rosa Cartoon-Kitsch-Zimmer wohnen muss, das für uns beide sein sollte.
    »Es ist besser, wenn du dein eigenes Zimmer hast«, sagt er zu Nelly. »Dann bist du nicht so vielen schlechten Einflüssen ausgesetzt.«
    Er sagt das laut und deutlich, geht offensichtlich an meine Adresse. Ich schalte auf Durchzug, und Nelly gibt keine Regung von sich. Sie hat noch kein Wort mit mir geredet, seit wir hier sind, das macht mir Sorgen.
    Einmal hau ich um Mitternacht ab in einen Club, aber das endet dann mit Tränen, als ich aus Versehen zu seinem Schlafzimmerfenster wieder reinklettere und ihm praktisch aufs Gesicht falle; er riecht nach Alkohol und Kippen. Er rastet total aus, drückt mich runter, sodass ich mich hinknien muss, und zwingt mich, um fünf Uhr morgens das Vaterunser zu beten. Ich bin zu voll, um mich zu weigern, aber ich stolper über den Teil mit »erlöse uns von dem Übel«, weil, auf der protestantischen Schule, auf der ich war, hieß es immer »erlöse uns von dem Bösen«, deshalb kommen sich unsere Wörter da in die Quere, aber er korrigiert mich nicht, und wir schaffen es ohne größeren Ärger bis zum Amen. Am nächsten Morgen werd ich von Gehämmer wach. Er macht von außen ein Schloss an meine Tür.
    »Du bleibst jetzt für den Rest des Tages hier drin«, schnauzt er mich an.
    »Vergiss es«, sag ich.
    Da springt er mir fast ins Gesicht. »In meinem Haus machst du, was ich dir sage, du widerliche kleine Hexe.«
    »Ich bin fast sechzehn, du kannst mich nicht ewig hier einsperren.«
    »Ich will dich nicht ewig hier einsperren. Ich will dich hier überhaupt nicht.« Er lacht. »Ich kann es kaum erwarten, dass du endlich sechzehn wirst. Je früher du aus dem Leben deiner Schwester verschwindest, desto besser.«
    Das ist das Einzige, was ich nicht auf dem Zettel hatte: dass er mich gar nicht will. Er will Nelly, formbar und ängstlich. Sie soll seine Familie werden, und sobald er die Gelegenheit bekommt, wird er versuchen, mich loszuwerden.
    Später am Abend kommt Nelly an die verschlossene Tür.
    »Bitte, Marnie«, flüstert sie, »sei doch nicht so ungezogen. Dann trennt er uns bestimmt. Das weiß ich genau. Bitte, tu es für mich. Er ist nicht so schlecht, wie du glaubst.«
    Dass Nelly jetzt

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