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Beziehungswaise Roman

Beziehungswaise Roman

Titel: Beziehungswaise Roman
Autoren: Michel Birbaek
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Kapitel 1
    Die Kirche ist voll, Angehörige murmeln aufgeregt, Blumenkinder zappeln herum, und neben dem Altar flüstert ein Regisseur hektisch letzte Anweisungen in sein Headset. Alle starren auf die Tür, durch die das Brautpaar kommen soll. Ich halte Tess’ Hand und versuche nicht zu schwanken. Der Junggesellenabschied endete vor zwei Stunden.
    »Ich glaube, mir wird schlecht.«
    Sie schüttelt den Kopf.
    »Dir wird jetzt nicht schlecht«, murmelt sie, ohne den Blick von der Tür abzuwenden.
    »Ach so«, sage ich und schwanke eine Runde.
    Wir starren weiter auf die Tür, die sich nicht öffnet. Immer noch kein Brautpaar. Die Angehörigen beginnen zu tuscheln. Hat da jemand die Ringe vergessen? Kalte Füße bekommen? Eine Affäre?
    Tess wirft mir einen Blick zu.
    »Und du hast ihn rechtzeitig zu Hause abgeliefert?«
    »Wäre ich nicht hier, wäre er nicht da, aber ich bin ja hier, also ist er da.«
    Ich schwanke eine Ehrenrunde. Diesmal ist es nicht gespielt. Verdammte Schnäpse. Aber bei einem Junggesellenabschied aufgeben, bevor der Bräutigam umkippt, das sind die Dinge, die man sich dann ewig und drei Tage anhören muss – man heiratet ja nur einmal im Leben. Hm. Das muss auch ein sehr alter Spruch sein.
    Neben uns bleibt ein Kameramann an einem Kabel hängenund reißt dem Tonmann das Mikro aus der Hand. Das Stativ scheppert laut zu Boden. Alle Köpfe fahren herum. Ein Blumenkind erschrickt sich und fängt an zu weinen. Der Priester hebt mahnend eine Augenbraue, der Kameramann entschuldigend die Hand, der Regisseur spricht wütend in sein Headset. Der Tonmann hebt das Stativ wieder auf, das Gemurmel setzt wieder ein, ich fühle, wie mein Frühstück das Standbein wechselt.
    »Haben Kirchen eigentlich Toiletten?«
    Tess starrt zur Tür und antwortet nicht.
    »Die müssen doch welche haben, wenn sie Wein und Kekse anbieten, oder? Ist das nicht eine Auflage vom Ordnungsamt?«
    Sie ignoriert mich. Alles klar. Bei Hochzeiten ist Schluss mit lustig. Ich schlucke die Übelkeit runter, atme tief durch und schaue zu Boden. Mein Blick bleibt an den Klebestreifen hängen. Laufwege. Die grünen sind für das Kamerateam, die weißen für Privatfilmer, Rot für das Brautpaar, Lila für die Blumenkinder, Schwarz für die amerikanischen Gäste und Braun für die Gäste aus Deutschland. Braun. Manche Dinge ändern sich nie.
    Die Angehörigen werden immer unruhiger, ein Blumenkind läuft schon mal los und muss zurückgepfiffen werden, und auch der Priester mustert jetzt die Eingangstür aufmerksam. Doch die bleibt geschlossen. Da das Brautpaar sich erst seit vier Monaten kennt, besteht durchaus die Möglichkeit, dass es dahinten übereinander hergefallen ist. Herrje, wie oft haben Tess und ich früher Flüge, Termine und Verabredungen verpasst, weil es sich um keinen Preis der Welt aufschieben ließ. Lange her.
    Die Musik setzt ein. Ein erleichtertes Aufstöhnen geht durch die Kirche. Die Kamerateams springen auf ihre Streifen. Die Eingangstür öffnet sich. Das Gemurmel verstummt schlagartig. Stan kommt im Blitzlichtgewitter denGang herunter, er trägt einen Frack und nickt grinsend in die Runde. Als er an mir vorbeigeht, blinzelt er mir zu. Ich grinse zurück und mache Zeichen, dass sein Hosenschlitz offen steht. Mein Gott, nicht zu fassen – Stan heiratet. Ich habe ihn nie lange genug mit einer Frau erlebt, um mir ihren Namen merken zu können, und jetzt heiratet er.
    Er bleibt vor dem Priester stehen und dreht sich um. Mit ihm wenden sich alle dem Eingang zu. Eine kurze Spannungspause, dann bringt der Brautvater die Braut herein. Sie ist ganz in Weiß, und nicht mal der Schleier kann ihr Strahlen abschwächen. Eine Grippewelle bricht über die Kirche herein. Es wird geschnieft und geschnäuzt. Die Kamerateams stolpern herum, um die beste Einstellung zu bekommen, Angehörige knipsen wie verrückt, Blumenkinder werfen geköpfte Blumen durch den Gang. Ich drücke Tess’ Hand. Sie drückt meine.
    Nach einer kleinen Einlage des Priesters, der sich für einen begnadeten Entertainer hält, geht die Zeremonie los. Das Brautpaar strahlt sich ungeduldig an, und schließlich ist es so weit: Der Priester fragt Stan, ob er Stella zu seiner Ehefrau nehmen will. Stan sagt Ja. Die Braut strahlt. Der Priester fragt die Braut, ob sie Stan zu ihrem Ehemann nehmen will. Sie sagt Ja. Stan strahlt. Sie streifen sich Ringe über, dann segnet der Priester ein in sehr wilder Beziehung lebendes Paar und macht daraus einen Bund fürs Leben.

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