Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Betoerendes Trugbild

Betoerendes Trugbild

Titel: Betoerendes Trugbild
Autoren: Natalie Rabengut
Ads
Kapitel 10

    Merkwürdigerweise fühlte Samantha sich plötzlich ganz ruhig. Da sie nun wusste, dass sie sich keine Sorgen mehr um Carrie machen musste – und damit auch eine Person weniger durch das Haus wanderte, die Sam auf einem ihrer Streifzüge hätte überraschen können –, war sie gelassener und fest entschlossen, den Rätseln auf die Spur zu gehen.
    Dieses Mal entschied sie sich für ein schwarzes, asymmetrisches Kleid, das nur einen Träger an der linken Schulter hatte und die rechte freiließ. Es war leger geschnitten und endete knapp über dem Knie. Nachdem sie die Lockenwickler aus den Haaren genommen hatte, schüttelte Sam ihren Kopf und zupfte ein paar der Strähnen zurecht.
    Unten ertönte bereits Musik und vereinzeltes Gelächter. Kurz schloss Samantha die Augen und erinnerte sich an ihr Zuhause: Die groben Holzbalken, der grüne Garten, die stille Oberfläche des Sees und der leichte Wind. Nicht mehr lange und sie würde ihre Ruhe haben.
    Nur ihr Lippenstift hielt sie davon ab, wieder mit dem Finger gegen ihre Schneidezähne zu trommeln. Noch war sie sich nicht ganz sicher, wie sie vorgehen sollte – wie sie ihr Wissen um die Geheimgänge verwenden sollte. Heiße Wut kochte in ihr hoch, wenn sie nur daran dachte.
    Ein letzter prüfender Blick in den Spiegel, dann knipste sie ihr automatisiertes, höfliches Lächeln an und verließ ihr Zimmer.
    Während die Absätze auf den Holzstufen klapperten, beschloss sie, dass sie auf jeden Fall zuerst mit Michael reden sollte. Sie war noch immer erleichtert, dass sie nicht sein Aftershave in dem engen, dunklen Gang gerochen hatte. Dennoch nagte die Frage an ihr, ob er davon gewusst und sie trotzdem nicht gewarnt hatte.
    Unten an der Treppe stand Scott und raufte sich die Haare. Abscheu vor den Brüdern erfüllte Samantha, doch sie zwang sich, weiter hinabzusteigen. Solange sie nicht alle Fäden entwirrt hatte, durfte sie sich nichts anmerken lassen und sollte auch besser keine voreiligen Schlüsse ziehen.
    Scotts Gesicht hellte sich auf, als er Sam erblickte. „Bitte sei meine Rettung, Samantha“, flehte er sie an.
    „Was ist denn los?“, wollte sie von ihm wissen und blieb auf der ersten Stufe stehen; befand sich nun etwa auf Augenhöhe mit ihm.
    „Ich kann Carrie nirgends finden. Der Caterer will mit ihr sprechen und irgendwas ist mit der Musik-“ Er brach hilflos ab und warf die Arme in die Luft. Seine Augen waren weit aufgerissen und mit Entsetzen nahm Sam zur Kenntnis, dass die Pupillen unnatürlich geweitet waren. Hatte er etwa schon wieder Drogen genommen?
    „Leider kann ich dir nicht helfen, ich habe sie das letzte Mal heute Nachmittag gesehen. Da wollte sie eine Outfitberatung für ihr Date mit Marcus.“ Samantha sah ihn an, die Lüge ging ihr leicht von den Lippen.
    „Was mache ich denn jetzt nur? Vielleicht sollte ich Marcus anrufen, möglicherweise haben die beiden nur die Zeit vergessen.“ Scott strich sich durch die Haare und begann, unten vor dem Treppenabsatz im Kreis zu laufen.
    In diesem Moment sah Samantha, wie sich Marcus ihm von hinten näherte. „Ich glaube, das wird nicht nötig sein.“
    Scott drehte sich um. Marcus sah alles andere als glücklich aus und räusperte sich, als er vor Scott und Sam stehenblieb. „Kann ich Carrie sprechen? Sie hat mich versetzt und ich würde gern wissen, warum.“
    Während Sams in gespielter Überraschung die Augen aufriss, klappte Scotts Unterkiefer herunter. Sie schüttelte den Kopf und protestierte: „Das kann nicht sein, sie hat sich so gefreut und von nichts anderem geredet.“
    Marcus hob seinen Blick und der traurige Ausdruck in seinen Augen brach Samantha fast das Herz. Doch sie musste stark bleiben. „Sie wird doch wohl keinen Unfall gehabt haben? Ihr Auto steht jedenfalls nicht mehr in der Einfahrt, sie ist also auf jeden Fall losgefahren.“
    Scott und Marcus wurden beide leichenblass. Schnell machte Scott eine energische Handbewegung. „Dann hätten wir schon etwas gehört. Es gibt sicherlich eine logische Erklärung dafür. Ich rufe kurz einen Freund an.“ Er zog sein Handy aus der Hosentasche und drehte Marcus und Sam den Rücken zu. Mit gerunzelter Stirn wandte Sam sich zu Marcus, während sie sich fragte, welchen Freund Scott jetzt wohl alarmierte? Ethan?
    Marcus war dazu übergegangen, seine Hände nervös zu kneten. Plötzlich ertönten energische Schritte im Flur und Zachary kam in die Eingangshalle. „Ah, hier seid ihr alle! Scott, es herrscht leichtes Chaos in

Weitere Kostenlose Bücher

One Shot
One Shot von Lee Child
Keine E-Mail fuer Dich
Keine E-Mail fuer Dich von Franziska Kuehne
Die standhafte Witwe
Die standhafte Witwe von Julie Garwood