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Besessene

Besessene

Titel: Besessene
Autoren: S Hayes
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Prolog
    W ir saßen im 57er-Bus, als es geschah   – und sich mein Leben für immer veränderte. Dabei war es ein ganz gewöhnlicher Spätnachmittag Mitte September, die tief stehende Sonne knallte durchs Fenster und Dieselgeruch erfüllte die Luft. Meine Nackenhaare stellten sich auf, eines nach dem anderen, und ich wusste sofort: Da starrte mich jemand an. Ich konnte ihn zwar nicht sehen, spürte aber seine Nähe und musste, zwanghaft geradezu, seinen Blick erwidern. Langsam wandte ich den Kopf nach links und sah einen anderen Bus, der neben unserem hielt, darin ein Mädchen, das die Nase gegen die Fensterscheibe presste. Sie hatte ein herzförmiges Gesicht, volle Lippen und glattes braunes Haar, aber es waren die Augen, die besonders hervorstachen: groß und leuchtend grün wie die einer zum Sprung ansetzenden Katze. Ich legte eine Hand auf die Fensterscheibe neben mir und das Mädchen tat es mir nach, in exakter Nachahmung meiner Fingerstellung.
    Aus irgendeinem Grund muss diese Geste wohl die Erinnerung an einen Traum ausgelöst haben, den ich seit Kindertagen immer wieder träume. Ich betrete allein ein großes unheimliches Haus. Ich gehe durch die riesige Eingangstür aus buntem Glas, von deren Rahmen schon dieFarbe abblättert, und komme erst auf die Veranda, auf der es durchdringend nach regenfeuchtem Laub riecht, dann weiter durch eine zweite Tür in die Diele des Hauses mit ihren geometrisch angeordneten, blauen und terrakottafarbenen Bodenfliesen, bis ich am Fuß einer Wendeltreppe aus Eichenholz stehe. Ich weiß, jetzt werde ich die Treppe hinaufsteigen und nicht aufwachen, obwohl ich es so sehr versuche. Alle meine Sinne sind hellwach; ich höre jedes Knarzen, spüre jede Rille, jede Unebenheit im Holz des Geländers und nehme den würzigen Geruch verfaulender Erde wahr. Jetzt bin ich oben angelangt. Die Tür vor mir steht offen, aber der Gang, der zu ihr führt, ist doppelt so lang wie beim letzten Mal und ich gehe schneller und schneller, als würde ich eine Rolltreppe in der verkehrten Richtung benutzen. Es dauert eine Ewigkeit, bis ich die Türöffnung erreiche, doch schließlich habe ich es geschafft, atemlos und voller Neugier. Ich sehe ein Mädchen vor einem Frisiertisch sitzen, das in einen kunstvoll geschnitzten, dreiteiligen Spiegel blickt. Sie hat mir den Rücken zugewandt und ich brenne darauf, ihr Gesicht zu sehen, aber da ist kein Spiegelbild. Jetzt stehe ich dicht hinter ihr, berühre sie fast schon; ich lege meine Hand auf ihren Rücken, um sie dazu zu bringen, sich umzudrehen, was sie nicht tut. Da packe ich sie an beiden Schultern, sie wehrt sich noch, dann wendet sie ganz langsam ihren Kopf und endlich sehe ich ihr Gesicht   – doch es ist meins, mein eigenes Gesicht, das mich da höhnisch anlacht   …
    Dann wache ich auf.
     
    Ruckartig kam ich auf den Boden der Wirklichkeit zurück, als der Bus über ein Schlagloch fuhr, und ich versuchte, das Gesicht am Fenster zu vergessen. Mein Leben lang werde ich mich fragen, ob alles anders gekommen wäre, wenn ich den Blick des Mädchens an diesem Tag nicht erwidert hätte.

Kapitel 1
    K aty? Du siehst aus, als ob du ein Gespenst gesehen hättest.«
    Ich spürte, wie ich eine Gänsehaut bekam. »Ist schon okay, Nat. Da war nur jemand   … ein fremdes Mädchen   … sie hat mich angestarrt, als würde sie mich kennen.«
    »Vielleicht seid ihr euch ja in einem deiner früheren Leben schon mal begegnet?«, sagte sie scherzend.
    Hannah prustete los. »Oder du hast telepathische Fähigkeiten.«
    »Die haben wir alle«, antwortete ich mit voller Überzeugung. »Wir haben nur verlernt, wie wir sie nutzen können.«
    Nat fuchtelte mit den Armen über dem Kopf und gab die miserable Imitation eines Gespenstes. »Katy empfängt Botschaften aus einer anderen Dimension.«
    »Tu ich nicht.«
    Nat stupste mich in die Seite. »Weißt du noch, wie du dir ganz sicher warst, dass Mrs Murphy, die neue Religionslehrerin, eine schlechte Aura hat? Und die hat sich dann ja wirklich als blöde Kuh herausgestellt.«
    »Stimmt, da hatte ich tatsächlich recht.« Ich grinste.
    »Was ist es denn? Eine spezielle Begabung?«
    »Nein   … reine Intuition.«
    Hannah und ich teilten uns einen Sitzplatz und jetzt stieß sie mich noch heftiger an. »Sagt dir deine Intuition auch, wann Merlin endlich in die Gänge kommt?«
    Mein Magen schlingerte wie in einer Achterbahn, kurz bevor sie nach unten in den Abgrund saust. »Na ja, ich dachte schon, da läuft nie mehr was,

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