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Beschuetz Mein Herz Vor Liebe

Beschuetz Mein Herz Vor Liebe

Titel: Beschuetz Mein Herz Vor Liebe
Autoren: Asta Scheib
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    In der Nacht läutete es. Therese wurde wach und wußte sofort, daß die Klingel anders ging als sonst. Greller, fordernder. Das sind sie, sagte Therese, und da schrillte es ein zweites Mal. Therese hörte die hastigen Schritte ihres Vaters auf dem Gang. Die Stimme der Mutter wie erstickt und Sybilles empörte Frage, wer denn da die Klingel mitten in der Nacht derart malträtiere. Doch Therese hörte in Sybilles Empörung die Angst, die Befürchtung, daß ihnen jetzt passierte, was bislang nur anderen geschehen war, weit weg, außerhalb ihres Hauses. Sie wurden abgeholt.
    Auch Valerie war erwacht, Therese hörte die Stimme ihres Kindes aufsteigen zu dem tief empörten durchdringenden Zetern, das nur beunruhigte Säuglinge zustande bringen. Als sie Valerie hochhob und an sich drückte, waren die SS-Männer schon im Zimmer. Thereses Vater hatte sie aufhalten wollen: »Nicht da hinein, da schläft mein Enkelkind« – da schlugen und traten sie auf ihn ein, schrien: »Der Saujud macht uns Vorschriften.«
    Mutter und Sybille wollten Vater zu Hilfe eilen, doch die Männer zerrten sie brutal zurück in Valeries Zimmer, wo die Frauen schließlich zitternd beieinanderstanden. Sie vermieden es, einander anzusehen, und Therese wußte, daß Sybilles Hände in den Taschen ihres Morgenmantels zu Fäusten geballt waren, daß nur Furcht, demütigende, früher nie gekannte Furcht, sie davon abhielt, zu Vaters Peinigern hinzustürzen. Therese selbst versuchte gar nichts zu denken, nichts zu fühlen. Sie konzentrierte sich auf die Kälte, die von ihren Füßen hochkroch. Mutter und Sybille hatten Morgenmäntel und Pantoffeln an, Therese stand in ihrem Nachthemd da, barfüßig. Ihre größte Angst war, daßder weiße Spitz, den einer der Männer mitgebracht hatte und der schrill kläffend an den Frauen hochsprang, daß dieser nervöse Hund Valerie oder sie selbst in die nackten Füße beißen könnte.
    »Strammstehen, Hände an die Hosennaht«, bellte einer der Männer, und es war ersichtlich, daß er sich an seinen Kommandos erfreute, kindlich erfreute, und die anderen gingen mit ebensolcher Lust daran, in jedem Zimmer Schränke und Schubladen aufzureißen und den Inhalt auf den Boden zu kippen.
    »Ist noch jemand außer euch im Haus?«
    »Nein, niemand.«
    »Wieso fragst du die, das Judenpack lügt doch wie gedruckt.«
    Der Hundebesitzer blieb bei den Frauen zurück. Mit einfältigem Stolz blickte er auf den Spitz, dessen hysterisches Kläffen jetzt in ein heiseres Keuchen übergegangen war. Das Tier schnüffelte nervös um die Füße der Frauen herum. Der Besitzer sah Therese lauernd an: »Das ist Flocki, wenn es gestattet ist. Mein Beschützer.« Sein Lachen hatte Ähnlichkeit mit dem Bellen des Hundes, doch seine Augen lachten nicht, sie beobachteten tückisch die Reaktion der Frauen, und Therese wußte, daß er Beifall erwartete für sich und seinen Hund. Sie sah am bemühten Lächeln Mutters und Sybilles, daß sie die Gefahr erkannt hatten.
    »Was passiert mit meinem Vater?« fragte Therese.
    »Das geht dich einen Dreck an, hier haben nur wir Fragen zu stellen.«
    Der vierte SS-Mann, offenbar fertig mit seiner Hausdurchsuchung, hatte Thereses Frage noch mitgehört. Er trat nahe zu ihr hin, schaute auf Valerie mit einem Gesichtsausdruck, den Therese nicht deuten konnte, aber als drohend empfand. Sie drückte Valerie fester an sich, und das Kind schrie wieder zeternd, der Spitz kläffte und röchelte, Theresewußte nicht mehr, ob Valerie den Spitz halb wahnsinnig machte oder der Spitz Valerie. Die Männer schienen zufrieden mit diesem Ergebnis, einer machte eine Bewegung mit dem Kopf zur Tür hin, und dann gingen sie. Dirigenten in Konzerten der Angst, die sie selber arrangieren konnten, wann ihnen danach zumute war. Es lag bei ihnen, ob sie es zum Äußersten treiben wollten. Ein schönes Gefühl, eine große Zeit, ein herrlicher Führer, der ihnen das alles möglich gemacht hatte. In einer Villa wie dieser, die sie noch vor zehn Jahren nur von weitem hätten bestaunen können, in diesen Häusern waren nun sie die Herren. Und Damen wie die Suttners, hochmütig und unerreichbar, hatten sie früher nur mal im offenen Wagen gesehen. Königlich fast, mit großen Hüten, Handschuhen und Sonnenschirmen. Und jetzt? Nur noch Schatten zitternder Angst. Sie mußten endlich arbeiten wie andere Leute auch, und das geschah ihnen recht. Hochmut kommt vor dem Fall.
    Therese wußte, sie würden wiederkommen. Überall machte die SS bei Juden

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