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Bernie allein unterwegs

Bernie allein unterwegs

Titel: Bernie allein unterwegs
Autoren: Sabine Thiesler
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nicht mitspielte. Dass es gemein war, einen kleinen Hund zu töten, nur weil er nicht so aussah wie die andern Bernhardiner in den Hundebüchern. Paule, sag doch was!, schrie ich in Gedanken, aber Paule stand nur schweigend auf und ging ins Haus. Sein Rücken war ganz krumm. Wahrscheinlich war er traurig, aber er war auch feige. Schrecklich feige.
    Ich hatte so entsetzliche Angst, dass ich anfing zu jaulen. Mama schnarchte. Sie hatte nichts von dem Gespräch mitbekommen. Auch auf mein Jaulen reagierte sie nicht, vielleicht dachte sie einfach nur, dass ich mich im Zwinger langweilte.

    Natürlich langweilte ich mich im Zwinger, aber das war allemal besser, als …
    Nur noch ein paar Tage!
    »Hör auf zu jaulen«, sagte Frau Küster, als sie ins Haus ging. »Du hast gar keinen Grund. Es ist alles gut.«
    Da sah man mal wieder, wie die Menschen lügen konnten.

ABSCHIED
    Am nächsten Vormittag ging Frau Küster zum Friseur. Sie ging jede Woche einmal zum Friseur, wahrscheinlich war es ihr zu umständlich, sich allein die Haare zu waschen.
    Ich hatte die ganze Nacht kein Auge zugemacht und hin und her überlegt, was ich anstellen könnte, um aus dem Zwinger abzuhauen, aber mir war nichts eingefallen. Ich war dann ganz dicht an Mama herangekrochen und hatte mich an sie gekuschelt. Ihr gleichmäßiger Herzschlag beruhigte mich etwas, aber machte mir mein Unglück auch noch bewusster. Warum durften alle leben, nur ich nicht?
    Als ich leise anfing zu winseln, legte mir Mama tröstend ihre schwere Pfote auf den Rücken und schnarchte weiter. Ich beschloss, am Morgen mit ihr zu reden. Vielleicht wusste sie ja einen Rat.
    Als Frau Küster weg war, kam Paule zum Zwinger und sah mich nachdenklich an.
    »Komm mit, Bernie«, sagte er. »Wir machen einen Spaziergang. «
    Ich bekam einen Schreck. Sie wollten doch noch zwei Wochen warten, oder? Warum denn heute schon? Vor lauter Angst
bekam ich Schluckbeschwerden und fing an zu schmatzen. Mama legte mir wieder ihre Pfote auf den Rücken.
    »Es ist gut«, grunzte sie. »Paule tut dir nichts.«
    Da hatte Mama gestern doch nicht so fest geschlafen, wie ich gedacht hatte. Sie wusste also, was Frau Küster und Doktor Schwenker mit mir vorhatten.
    »Nutze die Chance«, raunte sie mir zu. »Jetzt, solange Frau Küster weg ist. Du musst dir eben allein einen Menschen suchen. Halte dich an kleine Kinder. Das klappt meist am besten. Noch bist du nicht so groß, dass sie Angst vor dir haben. Geh auf keinen Fall mit Erwachsenen mit, die du nicht kennst. Und vergiss nicht, immer ganz fest an dich zu glauben. Dann schaffst du alles. Du bist doch ein lieber kleiner Kerl. Keine Schönheit, aber ein Bernhardiner ist ein Bernhardiner, weil er stark und treu und hilfsbereit ist. Ein Bernhardiner geht für seinen Freund durchs Feuer. Das allein zählt. Nicht die Farbe in seinem Gesicht.«
    »Aber Frau Küster sagt …«, fing ich an, aber Mama fiel mir ins Wort.
    »Ich weiß, was Frau Küster sagt. Sie ist eine furchtbar dumme Frau. Wenn ich könnte, würde ich mir auch andere Menschen suchen, aber ich habe nun mal mein Rudel hier. Und Paule ist es wert, dass ich bleibe.«
    »Dann werde ich dich jetzt nie wiedersehen?«
    »Man soll nie nie sagen«, meinte Mama und zog die Lefzen hoch, sodass sie aussah, als würde sie lächeln. »Und wenn du Probleme hast, geh zu deinem Vater, Hugo vom Walde. Er wohnt in Bayern, in Holzkirchen. Du wirst ihn schon finden. Er ist so riesig, dass man ihn einfach nicht übersehen kann.«

    »Wo ist denn die Leine?«, schimpfte Paule und suchte auf dem Hof herum. »Elfriede ist nicht mehr lange weg, und ich finde die verdammte Leine nicht!«
    Mama knabberte zum Abschied an meinen Lefzen und biss mich liebevoll ins Ohr. »Mach’s gut, mein Sohn«, brummte sie. »Mein starker, kluger, lieber Sohn. Sei stolz darauf, dass du so bist, wie du bist. Kümmere dich nicht darum, was die anderen sagen.«
    Ich leckte Mama dankbar den Kopf und wäre so gerne bei ihr geblieben. Aber ich verstand schon, dass das nicht möglich war.
    Endlich hatte Paule die Leine gefunden und schloss die Zwingertür auf. »Komm mal her, Bernie!«, rief er, und ich trabte näher. Er klinkte die Leine am Halsband ein und zog mich mit sich. Ich drehte mich noch einmal um und bellte kurz.
    Mama antwortete nicht. Sie lag dicht am Gitter und hatte den Kopf auf die Vorderpfoten gelegt. Aber sie öffnete ein Auge, und es sah aus, als würde sie mir zuzwinkern.

WOHIN?
    Paule lief so schnell, dass ich kaum mit ihm

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