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Bernie allein unterwegs

Bernie allein unterwegs

Titel: Bernie allein unterwegs
Autoren: Sabine Thiesler
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Struppi und ich dann einträchtig aufleckten.
    Und die kleine Tinka liebte mich geradezu abgöttisch. Den
ganzen Tag strich sie mir um die Beine, und sowie ich mich hinlegte, kletterte sie auf meinen Bauch, schmuste mit mir und schlief dann ein. Oder sie kuschelte sich zwischen meine Pfoten. Und auch die andern Katzen leckten mir die Schnauze, was so viel hieß wie: Du bist okay.
    Mittlerweile fand ich Katzen richtig toll, obwohl ich ihre Sprache nicht verstehen konnte.
    Am dritten Tag, frühmorgens, gingen der lange Hein und ich wieder auf den Kutter. Ich glaube, Minna und Ole waren direkt ein bisschen traurig, als wir ablegten und losfuhren, aber sie versuchten, es sich nicht anmerken zu lassen. Jedenfalls winkten sie wie verrückt, bis wir sie nicht mehr erkennen konnten.
    Und bereits nach einer halben Stunde hatte ich so ein komisches, schmerzliches Gefühl im Bauch. Ich war selbst ein bisschen traurig, denn irgendwie fehlten mir Struppi und Tinka jetzt schon.

    Als wir in Husum anlegten, war bestes Wetter. Der lange Hein bastelte am Motor vom Seewolf herum, weil der ein merkwürdig klopfendes Geräusch machte, deshalb ging ich von Bord und trabte ein bisschen am Kai entlang.
    Rudi lag in seinem Hauseingang, wo er wie üblich angekettet war, und blinzelte in die Sonne.
    »Der Rüde von und zu Lüttelbüttel!«, begrüßte er mich. »Na, so was! Schon wieder zurück aus der Südsee?«
    Das blöde Gelaber machte mich wütend, und am liebsten hätte ich mich mal ’ne Runde mit ihm geprügelt, aber das ging ja nicht, weil er an der Kette lag.
    »Blödmann«, schnauzte ich ihn an. »Da hast du mir ja schöne Märchen erzählt!«
    »Na und?«, grinste er. »Das ist doch nicht verboten! Die einen glauben Märchen, die andern nicht. Du hast sie eben geglaubt. Das ist alles.«
    Da hatte er leider recht. Vor lauter Verlegenheit begann ich zu gähnen.
    »Sag mal ehrlich«, begann ich wieder. »Der lange Hein fährt wirklich nur zwischen Husum und Helgoland hin und her?«
    »Ja. Seit dreißig Jahren. Das hat hier mal irgendwer erzählt. Viel Abwechslung haste da nicht. Und jeden Tag Krabben fressen würde mir auch auf den Geist gehen.«
    Schon auf der Hallig hatte ich die ganze Zeit darüber nachgedacht: Wenn ich beim langen Hein blieb, würde ich niemals nach Bayern kommen, würde niemals meinen Vater finden und außer weiteren Sturmfluten wahrscheinlich auch keine großen Abenteuer mehr erleben. Und das alles wollte ich auf keinen Fall.

    »Ich bleib nicht beim langen Hein«, sagte ich schließlich. »Ich hau ab und ziehe weiter.«
    »Schade«, meinte Rudi leise und legte den Kopf auf seine Pfoten. »Dann seh ich dich ja nie wieder.«
    »Man soll nie nie sagen.«
    »Is’ schon in Ordnung. Wenn ich du wäre, würde ich’s genauso machen. Du bist ja auch noch so unverschämt jung, du hast noch alles vor dir – ich bin ja schon ein alter Knochen.«
    »Tschüss, alter Knochen. Lass es dir gut gehen.« Ich leckte ihm die Ohren, was bei uns Hunden ein echter Liebesbeweis ist, und trottete zurück zum Seewolf, wo der lange Hein immer noch an seinem Schiff herumbastelte.
    Ich blieb stehen und wartete, bis er mich bemerkte. Dann wedelte ich mit dem Schwanz, weil ich wirklich nicht wusste, wie ich ihm klarmachen konnte, dass ich gehen musste, und wie ich mich verabschieden sollte.
    »Komm mal her, Bobby!«, rief der lange Hein.
    Statt zu gehorchen, blieb ich am Kai stehen und bellte.
    Der lange Hein lehnte sich gegen den Mast und sah mich an.
    Ich bellte noch ein paarmal.
    Und auf einmal sagte der lange Hein: »Verstehe. Du willst nicht bleiben. Bist ein Wandervogel. Da kann man nun mal nichts machen.«
    Jetzt war ich also auch noch ein Wandervogel.
    Der lange Hein verließ das Schiff und kam zu mir. Er drückte mich an sich und streichelte mir den Kopf.
    »Bist ein prima kleiner Kerl. Pass auf dich auf.«

    Aus seiner verbeulten Hosentasche zauberte er einen Hundekeks und steckte ihn mir ins Maul. Dann kletterte er zurück an Bord. Und ich ging in die andere Richtung davon.
    Beinah gleichzeitig drehten wir uns um.
    Der lange Hein winkte, und ich wedelte mit dem Schwanz.

SABINE THIESLER, geboren und aufgewachsen in Berlin, studierte Germanistik und Theaterwissenschaften. Sie arbeitete einige Jahre als Schauspielerin im Fernsehen und auf der Bühne und schrieb außerdem erfolgreich Theaterstücke und zahlreiche Drehbücher fürs Fernsehen. Zusammen mit ihrem Mann, neun Eseln und zwei Hunden lebt sie heute auf einem entlegenen

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