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Bernie allein unterwegs

Bernie allein unterwegs

Titel: Bernie allein unterwegs
Autoren: Sabine Thiesler
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Bernhardiner zu sein? Du lieber Himmel, das hatte ich ja gar nicht gewusst!
    »Der Hund ist jetzt über vier Monate alt«, meinte Frau Küster. »Er sieht schon gar nicht mehr aus wie ein Welpe. Wenn er nicht innerhalb der nächsten zwei Wochen verkauft wird, kriegen wir ihn nicht mehr los.«
    »Und dann?« Paule runzelte die Stirn und sah zu mir herüber. Ich saß ganz ordentlich und aufrecht im Zwinger und bemühte mich, gut auszusehen. Als Frau Küster weiterredete, legte ich den Kopf ein bisschen schief, um besser zuhören zu können.
    »Dann müssen wir uns was überlegen. Hierbleiben kann er jedenfalls nicht. Er frisst uns die Haare vom Kopf und ist zu nichts nütze.«
    »Wir können eine Annonce aufgeben«, überlegte Paule. »Zur Not müssen wir ihn eben verschenken.«
    Ich ließ die Ohren hängen. Am liebsten hätte ich geweint, so unglücklich war ich. Aber das würden die Küsters gar nicht merken, sondern nur wieder von meinem »Triefauge« reden. Ich konnte das alles nicht verstehen. Ich war erst ein paar Monate alt, hatte noch gar nichts Schlimmes angestellt, und schon gab es jede Menge Probleme mit mir. Die Küsters taten ja gerade so, als wäre ich grundsätzlich überflüssig auf der Welt.
    »Dieser Hund kostet nur Geld«, schimpfte Frau Küster. »Und ich glaube nicht, dass die Annonce was bringt. Wer sich einen so großen Hund anschafft, der viel Arbeit und Dreck
macht, der will auch, dass er ein bisschen anständig aussieht. Aber nicht so wie Bernhard! Dieser Hund hat kein Gesicht, das ist einfach fürchterlich.«
    Einen Augenblick lang stockte mir der Atem. Was meinte sie denn damit schon wieder? Natürlich hatte ich ein Gesicht! Ich hatte mich selbst im Spiegel gesehen. Ich hatte eine große, dicke schwarze Nase, einen weißen Kopf, kleine Augen und braune Ohren. Bisher hatte ich mich immer wunderschön gefunden, aberjetzt war ich ganz verunsichert. Es gab also eine Vorschrift, wie ein Bernhardiner aussehen musste? Ja, war ich dann gar kein richtiger Bernhardiner? Aber was war ich dann? Mama und Papa waren doch auch Bernhardiner!
    Ich versuchte gerade, darüber nachzudenken, als Paule sagte: »Im Tierheim nehmen sie ihn bestimmt. Sie müssen ihn nehmen, sie dürfen ihn gar nicht ablehnen.«
    »Hast du eine Ahnung!« Frau Küsters Stimme überschlug sich fast. »Wir sind Züchter! Und wir fliegen aus dem Züchterverband raus, wenn wir die Hunde, die wir nicht loswerden, immer im Tierheim abgeben. Nein, Paule, das taugt alles nichts. Aber ich habe schon mit Doktor Schwenker gesprochen.«
    Paule sah seine Frau völlig entgeistert an. Ich konnte bis in den Zwinger riechen, dass ihm der Schweiß ausbrach, und in diesem Moment bekam auch ich es mit der Angst zu tun.
    »Nein!«, sagte Paule. »Das kannst du nicht machen! Er ist doch so ein lieber Kerl!«
    Das hatte Paule schon einmal gesagt. Mein Herz klopfte wie wild. Ich hatte so eine Ahnung, was Frau Küster meinte, aber ich war mir nicht ganz sicher.

    Frau Küster legte die Hand auf Paules Arm, wahrscheinlich um ihn zu beruhigen.
    »Wir züchten Bernhardiner, mein Schatz«, säuselte sie kaum hörbar, aber ich stellte die Ohren auf und konnte jedes Wort verstehen, auch wenn Frau Küster so leise sprach. »Wir brauchen das Geld. Dringend. Wir haben den Zwinger gebaut, das muss sich alles erst mal rentieren.«
    Paule nickte nur stumm.
    »Wenn wir alle Hunde behalten, die wir nicht verkaufen können, weil sie nicht perfekt sind, dann haben wir hier bald ein Tierheim! Das kostet ein Heidengeld, wir haben keinen Platz mehr zum Züchten, haben keine Einnahmen mehr und gehen pleite. Willst du das?«

    Paule schüttelte nur stumm den Kopf.
    »Also bringen wir ihn zu Doktor Schwenker, wenn nicht in den nächsten Tagen noch ein Wunder geschieht. Er kriegt eine Spritze, und der Fall ist erledigt. Er merkt nichts davon, er weiß nicht, was mit ihm passiert, es tut nicht weh und es geht ganz schnell. Und wir sind die Sorge los.«
    Paule sagte gar nichts.
    »Wir hätten es schon viel früher machen sollen. Gleich in der ersten Woche. Aber wir hatten ja keine Erfahrung. Wir wussten ja nicht, dass hässliche Hunde unverkäuflich sind. Das nächste Mal sind wir schlauer.«
    Ich hatte also doch richtig verstanden. Sie wollten mich einschläfern! Nur weil ich die falsche Fellfarbe hatte! Ein paar Tage nur noch! Es musste ein Wunder geschehen, oder ich war tot!
    Paule! Warum sagte er denn nichts? Warum rettete er mich nicht? Warum sagte er Elfriede nicht, dass er da

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