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Bernie allein unterwegs

Bernie allein unterwegs

Titel: Bernie allein unterwegs
Autoren: Sabine Thiesler
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KOPFSPRUNG INS LEBEN
    Ich heiße Bernhard von Lüttelbüttel und bin am Gründonnerstag nachts um drei beinah mit einem Kopfsprung auf die Welt gekommen. So hat es Frau Küster jedenfalls immer ihren Freundinnen erzählt und sich dabei kaputtgelacht. Ich hab die Geschichte so oft gehört, dass ich sie irgendwann geglaubt habe.
    Herr Küster – »der Paule«, wie ihn Frau Küster immer nennt – war in der Nacht um Viertel vor zwei aufgewacht, weil sein Arm eingeschlafen war. Das hab ich nie so ganz verstanden, warum man aufwacht, wenn was eingeschlafen ist, aber egal. Ist jetzt nicht wichtig. Paule hat für einen Menschen ziemlich gute Ohren, aber im Vergleich mit uns Hunden ist er fast taub.
    »Elfriede«, sagte Paule, »da ist was mit Emmy. Sie jault so komisch.«
    Emmy ist meine Mutter. Eigentlich heißt sie ja Emilia von Schwarzenberg, aber Paule und Elfriede sagen immer nur Emmy zu ihr.
    »Vielleicht ist es so weit«, meinte Elfriede. »Geh doch mal gucken!« Dann drehte sie sich um und schlief weiter.
    Paule zog sich seine braun-rot karierten Hausschuhe an, die
ich ihm später total zerkaut hab, weil ich sie so todschick fand, und seinen rot-blau gestreiften Bademantel und ging runter in den Zwinger. Emmy lag auf der Seite und winselte. Ihr Bauch war ganz dick, und sie hechelte.
    Paule strich ihr über den Kopf und sagte: »Ich hol den Doktor, mein Mädchen, mach dir keine Sorgen!«
    Dann rannte er wieder hinauf ins Schlafzimmer zu Elfriede. Also machte er sich doch Sorgen, sonst wäre er ja nicht gerannt.
    Zwanzig Minuten später waren alle bei Emmy im Zwinger versammelt. Elfriede, Paule und Doktor Schwenker. Doktor Schwenker untersuchte meine Mutter und machte ein grimmiges Gesicht.
    »Verflucht noch mal«, brummte er. »Da steckt einer im Geburtskanal fest.«
    Der, der da feststeckte, das war ich.
    Plötzlich brach die große Hektik aus. Meine Mutter bekam eine Narkose, Doktor Schwenker schnitt ihr den Bauch auf, Elfriede sagte ständig »ogottogottogott«, und ich rutschte in hohem Bogen auf die Welt. Paule konnte mich gerade noch auffangen, irgendwie hatte man einen Moment lang gar nicht auf mich im Geburtskanal geachtet.
    Meine Geschwister wurden behutsam aus Mamas Bauch gehoben, und dann wurde Mama wieder zugenäht. Es ging uns allen richtig gut, meinen Brüdern Benno und Bodo und meinen Schwestern Belinda und Britta von Lüttelbüttel.
    Kurz darauf wachte auch meine Mutter auf. Sie grunzte vergnügt, begrüßte uns alle mit einem Nasenstupser und leckte uns sauber. Dann durften wir endlich so viel Milch an ihren
Zitzen trinken, wie wir wollten, und Mama achtete darauf, dass wir nach dem Saugen ein »Schäferhündchen« machten. Das heißt, sie wollte, dass wir laut und deutlich rülpsten. Bei Hunde- und Menschenbabys gehört sich das so.
    Paule und Elfriede ließen uns und Mama ein paar Tage in Ruhe … Dann kamen die ersten Besucher, und wir wurden vorgestellt. Opa Wilhelm war so begeistert von uns, dass er uns von nun an fast jeden Tag besuchte, sich auf den Rasen legte, und wir durften auf ihm herumtoben. Es störte ihn auch nicht, wenn wir ihn ins Ohr bissen, seine Brille zerbrachen oder auf seinem Bauch Pipi machten.
    Es war eine wunderbare Zeit. Wir tobten auf dem Hof herum, schliefen auf warmem Stroh im Zwinger, und wenn es regnete, holte uns Frau Küster sogar manchmal ins Haus. Dort hingen überall Ölgemälde und Fotos von Bernhardinern, alle Plüschtiere waren Bernhardiner, auf den Tellern und Tassen waren Bernhardiner aufgemalt, auf einem Sofakissen war ein Bernhardiner aufgestickt, und sogar auf der Fußmatte war ein Bild von einem Bernhardiner.
    Am beeindruckendsten fand ich aber den lebensgroßen Porzellanbernhardiner im Flur. Vor allem wenn Paule sagte: »Man kann sich gar nicht vorstellen, dass diese Winzlinge bald genauso groß sind!« Das konnte ich mir auch nicht vorstellen und glauben erst recht nicht. Aber wenn Paule das sagte, dann musste es stimmen. Alles, was Paule sagte, stimmte.
    Als wir zehn Wochen alt waren, kamen die ersten Interessenten. Emmy war wütend und knurrte, aber Paule kraulte sie hinterm Ohr und erklärte ihr, dass die Hundebabys nicht alle im
Haus bleiben könnten, da das Haus für alle Hunde zusammen viel zu klein sei. Jedes Hundebaby würde daher in eine neue Familie kommen, wo es den gesamten Platz eines Hauses ganz für sich allein hätte.
    Mama legte den Kopf schief und hörte aufmerksam zu.
    »Wie soll ich dir das erklären, meine Beste«, seufzte Paule.

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