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Berlin - ein Heimatbuch

Berlin - ein Heimatbuch

Titel: Berlin - ein Heimatbuch
Autoren: Murat Topal
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Touristen erkennt man an der Freundlichkeit
    »Morgens um sieben ist die Welt noch in Ordnung« war in den 70er-Jahren ein Lieblingsspruch meiner Mutter, den sie dem Titel eines in jenen Zeiten aktuellen Bestsellers entliehen hatte. Eine Aussage, die ich schon damals für eine der größten Lügen der Menschheitsgeschichte hielt. Morgens um sieben schepperte in unserem Kinderzimmer an jedem Werktag der altersschwache Wecker, um uns mit seinem an den Todeskampf eines lungenkranken Chihuahuas erinnernden Rasseln an unsere Schulpflicht zu gemahnen. Was sollte daran in Ordnung sein? In Ordnung war die Welt in meinen nächtlichen Träumen, in denen die Superhelden der von mir heiß geliebten »Marvel«-Comics größenwahnsinnige Schurken, die den Fortbestand der Menschheit gefährdeten, für immer oder wenigstens bis zum nächsten Heft aus dem Verkehr zogen. Punkt sieben Uhr aus diesen süßen Träumen gerissen zu werden, bedeutete für mich ohne Netz und doppelten Boden in eine raue Wirklichkeit katapultiert zu werden, der ich erst mit dem nächsten Einschlummern wieder entkommen konnte. Für mich war die Sieben also nicht wie in der Zahlenmystik eine heilige Ziffer, sondern seit früher Kindheit das Symbol der kosmischen Unordnung, das numerische Synonym für das Nicht-Ineinandergreifen-Wollen der für irdisches Glück verantwortlichen Zahnrädchen.

    Folglich wäre ich am 7. (sic!) Mai 2011 jede Wette eingegangen, dass der folgenreiche Anruf meines ursprünglich aus Böblingen stammenden Heilbronner Freundes Karl um Punkt sieben Uhr morgens erfolgen würde. Als das unangemessen fröhliche »Wake Me up Before You Go-Go«-Krähen meines Handys mich aus einem komaähnlichen Schlaf riss, sagte mir ein kurzer Blick auf die digitale Zeitanzeige allerdings, dass es bereits zehn geschlagen und ich mit Pauken und Trompeten verschlafen hatte. Das für neun Uhr geplante Interview mit Radio eins hatte ganz offenbar ohne mich stattgefunden. Wer da wohl meine Rolle übernommen hatte? Trotz dieses größten anzunehmenden Unfalls drehte sich die Welt erstaunlicherweise gelassen weiter.
    An dieser Stelle sollte ich kurz einflechten, dass mein Freund Karl eigentlich Holger heißt. Karl nennen ihn alle nur deswegen, weil all seine Schulfreunde gestandene TKKG-Fans waren. Und weil Holger einfach die perfekte Reinkarnation von Karl, dem Computer, ist. Also, jetzt nicht so vom Aussehen her. Karl, ich meine Holger, trägt zum Beispiel keine Nickel-, sondern eine drei Dioptrien starke antiquierte Kassenbrille und ist auch alles andere als spindeldürr. Auf unserer Hochzeit meinte eine Freundin zu meiner Frau: »Wer ist eigentlich das sprechende Bierfass dort?« Und obwohl sein Vater nicht wie bei TKKG-Karl Professor für Mathe und Physik ist, sondern Feuerwehrmann: Karl-Holger ist ein wandelnder Datenspeicher. Der merkt sich einfach alles. Das ist manchmal cool und öfter extrem nervend. Schlauschnacker, nennen Hamburger penetrante Besserwisser wie ihn. Der Rest der Welt sagt: Klugscheißer. Aber auch wenn Karls Festplatte manchmal heiß läuft und er nicht alle Bits im Schrank hat, soll man angeblich durchaus Spaß mit ihm haben können. Behauptet zumindest meine Gattin, der ich in der Regel nicht zu widersprechen wage.
    Genau betrachtet ist Karl nämlich gar nicht mein Freund, sondern ein Schulfreund meiner Frau. Seitdem er meinem Vater auf unserer Hochzeit lang und ausdauernd erklärt hat, an welchen politisch-strategischen Fehlern das Osmanische Reich zugrunde gegangen ist, ist er auch der Freund meines Vaters. Sagt Karl. Mein Baba hat sich diesbezüglich noch zu keiner Aussage hinreißen lassen. Es sei denn, man interpretiert sein hartnäckiges Schweigen zu diesem Punkt als stilles Zeichen der Sympathie. Jedenfalls legt mir meine Frau, die ja die vernünftigste Ehefrau von allen ist, seit jenem schicksalsschwangeren Tag nahe, dass Karl als Freund meiner Gattin und meines Vaters auch mein Freund zu sein hat. Also ist er jetzt eben auch mein Freund. Obwohl ich mir während meiner eher unglücklichen Schulzeit geschworen hatte, unter keinen Umständen mit Lehrern befreundet zu sein. Inzwischen versuche ich, diesen mir selbst gegenüber begangenen Meineid (der wahrscheinlich genau deshalb so heißt!) damit zu entschuldigen, dass Sonderschullehrer bei Licht betrachtet keine echten Lehrer sind. Sondern einfach irgendwie sonderlich. Was auf Karl voll zutrifft. Nicht nur, dass der Begriff Bücherwurm ganz ohne Zweifel eigens für ihn erfunden

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