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Berg der Legenden

Berg der Legenden

Titel: Berg der Legenden
Autoren: Jeffrey Archer
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Prolog
    1999
    Samstag, 1. Mai 1999
    »Das letzte Mal, als ich versuchte, einen Felsblock mit Nagelschuhen zu erklettern, bin ich runtergefallen«, sagte Conrad.
    Jochen hätte am liebsten gejubelt, aber wenn er auf die codierte Nachricht reagierte, könnte das vielleicht eine konkurrierende Gruppe hellhörig werden lassen, die auf ihrer Frequenz mithörte – oder, noch schlimmer, einem lauschenden Journalisten verraten, dass sie einen Leichnam entdeckt hatten. Er ließ das Funkgerät eingeschaltet und hoffte auf einen Hinweis, welches der beiden Opfer der Suchtrupp gefunden hatte, doch es wurde kein weiteres Wort mehr gesprochen. Nur das Knistern und Knacken verriet, dass jemand dort draußen war, der jedoch nichts sagen wollte.
    Jochen hielt sich peinlich genau an seine Anweisungen, und nach sechzig Sekunden Schweigen stellte er das Funkgerät aus. Er wünschte, er wäre als Mitglied der eigentlichen Suchmannschaft ausgewählt worden, die jetzt dort draußen nach den beiden Leichen suchte, aber er hatte den Kürzeren gezogen. Jemand musste im Basislager beim Funkgerät bleiben. Er starrte aus dem Zelt auf den fallenden Schnee und versuchte sich vorzustellen, was weiter oben am Berg los war.
    ***
    Conrad Anker starrte auf den gefrorenen Leichnam hinab, dessen Haut bleich wie weißer Marmor war. Die Kleidung, oder das, was davon übrig war, sah aus, als hätte sie einst einem Landstreicher gehört, nicht einem Mann, der in Oxford oder Cambridge studiert hatte. Um die Hüfte des toten Mannes war ein dickes Hanfseil geschlungen, die ausgefransten Enden zeigten, wo es während des Sturzes gerissen sein musste. Die Arme waren über dem Kopf ausgestreckt, das linke Bein über dem rechten gekreuzt. Sowohl das rechte Schienbein als auch das Wadenbein waren gebrochen, so dass der Fuß aussah, als hätte er sich vom Rest des Körpers abgelöst.
    Niemand von der Gruppe sprach, während sie mühsam ihre Lungen mit der dünnen Luft füllten. In 8230 Metern Höhe wurden selbst Worte rationiert. Schließlich sank Anker im Schnee auf die Knie und sandte ein Gebet an Chomolungma, die Muttergöttin der Erde. Er ließ sich Zeit; immerhin warteten Historiker, Alpinisten, Journalisten und diejenigen, die einfach nur neugierig waren, seit mehr als fünfundsiebzig Jahren auf diesen Moment. Er zog einen seiner dicken, wollgefütterten Handschuhe aus und legte ihn in den Schnee neben sich, dann beugte er sich vor, jede Bewegung langsam und übertrieben, und schob behutsam mit dem rechten Zeigefinger den steifen Jackenkragen des toten Mannes beiseite. Anker hörte sein Herz pochen, als er die ordentlichen, roten Buchstaben auf dem Wäscheschildchen las, das an der Innenseite des Hemdkragens angenäht war.
    »O mein Gott«, sagte jemand hinter ihm. »Es ist nicht Irvine. Es ist Mallory.«
    Anker sagte nichts. Er suchte immer noch nach der Bestätigung für die eine Information, für deren Entdeckung sie mehr als fünftausend Meilen weit gereist waren.
    Er schob die bloße Hand in die Jackeninnentasche des Toten und holte geschickt den handgenähten Beutel heraus, den Mallorys Ehefrau so sorgfältig für ihn gefertigt hatte. Vorsichtig faltete er den Baumwollstoff auseinander, aus Angst, er könnte ihm unter den Händen auseinanderfallen. Wenn er fand, wonach er gesucht hatte, wäre das Geheimnis endlich gelöst.
    Eine Streichholzschachtel, eine Nagelschere, ein stumpfer Bleistift, eine Notiz auf einem Umschlag, die angab, wie viele Sauerstoffflaschen noch funktionstüchtig waren, ehe sie den Gipfelaufstieg wagten, eine Rechnung (unbezahlt) von Gamages über eine Schneebrille, eine Rolexarmbanduhr ohne Zeiger und ein Brief von Mallorys Ehefrau, datiert auf den 14. April 1924. Doch der einzige Gegenstand, den Anker zu finden erwartet hatte, war nicht dabei.
    Er blickte zu den Männern auf, die ungeduldig warteten. Er holte tief Luft und sprach die Neuigkeit langsam aus. »Kein Foto von Ruth.«
    Einer von ihnen jubelte.

Erstes Buch
    Kein gewöhnliches Kind
    1892

1
    St. Bees, Cumbria, Dienstag, 19. Juli 1892
    Wenn jemand George gefragt hätte, warum er zu dem Felsen gegangen war, wäre er nicht in der Lage gewesen, es zu erklären. Der Umstand, dass er durch das Meer waten musste, um sein Ziel zu erreichen, schien ihm keine Sorgen zu bereiten, obgleich er nicht schwimmen konnte.
    Lediglich eine einzige Person am Strand zeigte an diesem Morgen ein leises Interesse am Streifzug des sechsjährigen Jungen. Reverend Leigh Mallory faltete seine

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