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Bei Hitze ist es wenigstens nicht kalt - Roman

Bei Hitze ist es wenigstens nicht kalt - Roman

Titel: Bei Hitze ist es wenigstens nicht kalt - Roman
Autoren: Dora Heldt
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|7| I m Treppenhaus roch es nach angebratenen Zwiebeln. Anke stellte ihren Einkaufskorb auf dem Boden ab und schloss den Briefkasten auf. Drei Wurfsendungen und mehrere kleine Umschläge fielen ihr entgegen. Den Aufkleber »Keine Werbung« hätte sie sich auch sparen können, er wurde von diesen Zustelltrotteln mit einer Konsequenz ignoriert, die sie zur Mörderin machen könnte. Sie schloss die kleine Metalltür und stopfte die gesamte Post zwischen ihre Einkäufe, bevor sie die sechsundvierzig Stufen zu ihrer Wohnung hinaufstieg. Ihr rechtes Knie knirschte. »Arthrose«, hatte der Hausarzt vor einem halben Jahr diagnostiziert, »das kann mit fast fünfzig schon mal sein. Gehen Sie schwimmen, Bewegung hilft.« Seitdem ging sie jeden zweiten Tag ins Hallenbad. Ihr Knie knirschte trotzdem. Dafür war sie jetzt öfter erkältet. Und jeden Monat um zwanzig Euro ärmer, so viel kostete das Frühschwimmerticket. Sie würde es Ende des Monats kündigen. Sie konnte Chlorgeruch um halb sieben sowieso nicht leiden.
    In ihrer Wohnung angekommen ließ sie die Tür hinter sich zufallen und lehnte sich schwer atmend dagegen. Irgendwann, das wusste sie, irgendwann würde sie in eine Wohnung umziehen, zu der höchstens vier Stufen führten. Oder ein Fahrstuhl. Sie schlüpfte aus den Sandalen, drückte die Taste für den Anrufbeantworter und lief barfuß unter der Stimme ihrer Schwester in die Küche.
    |8| »Hallo, Anke, ich bin es, Martina. Du, Jörg und ich sind am Samstag eingeladen und kriegen keinen Babysitter für Jasper. Kannst du ihn abholen? Sei doch so gut und ruf mal zurück. Wir machen es auch wieder gut. Bis später. Tschüss, tschüss.«
    Mit einem Seufzer begann Anke, ihre Einkäufe wegzuräumen. Ob ihre Schwester jemals einen Gedanken darauf verschwendete, sie, Anke, könnte einfach mal etwas vorhaben? Es war doch nicht selbstverständlich, dass Jaspers Patentante jeden Samstag allein auf dem Sofa verbrachte. Davon ging Martina aber aus. Bereits zum dritten Mal in diesem Monat sollte sie als Babysitter für ihren siebenjährigen Neffen einspringen. Der ja nichts dafür konnte und zauberhaft war. Nur deshalb ließ sie sich jedes Mal darauf ein. Trotzdem hatte sie überhaupt keine Lust, sich von Martina dauernd ausnutzen zu lassen. Das Los der Älteren, dachte sie kopfschüttelnd, sie war eben immer noch Babysitter. Früher für die kleine Schwester, jetzt für deren Sohn. Die perfekte kleine Martina, inzwischen schön, klug, reich, Ärztin, Ehefrau, Mutter war immer noch die beste aller Töchter. Die alles locker unter einen Hut brachte, ob Praxis, Kind oder Partys im Tennisclub. Dass die wunderbare Martina aber auch Gott und die Welt und vor allen Dingen ihre Schwester ständig einspannte, dagegen konnte man nichts sagen. Das war einfach gute Organisation. Anke bekam ganz langsam schlechte Laune. So wie meistens, wenn sie über Martina nachdachte. Weil diese Gedanken dann weiterliefen und irgendwann bei ihrer Mutter endeten.
    Entschlossen ließ sie die Kühlschranktür zufallen und wandte sich zurück. Dabei fiel ihr Blick auf den Poststapel, den sie achtlos auf den Küchentisch geworfen hatte. Als sie |9| den obersten Brief umdrehte, zuckte sie zusammen. Er war handschriftlich adressiert, die Schrift war schwungvoll und energisch. Sie hätte sie auch erkannt, wenn der Absender gefehlt hätte.
    Mit dem Brief in der Hand füllte sie Wasser in die Kaffeemaschine und löffelte Kaffeepulver in die Filtertüte. Eins, zwei, drei, einen für die Kanne. Nach dem Knopfdruck setzte sie sich langsam, immer noch den Brief in der Hand, an den Tisch, starrte auf das Kuvert und warf es auf den Stapel. Sie würde warten, bis der Kaffee durchgelaufen wäre. Der Rest der Post bestand aus Rechnungen. Anke überflog die Summen und legte alles zur Seite. Sie musste sich mal wieder etwas ausdenken, die Nachzahlung ans Gaswerk hatte sie nicht auf dem Zettel gehabt. Das finale Gurgeln der Kaffeemaschine stoppte ihre Überlegungen. Sie stand auf, warf noch einen Blick auf den cremefarbenen Umschlag, nahm einen Becher aus dem Schrank und zog langsam die Kaffeekanne von der Wärmeplatte. Während sie die Milch in den Kaffee rührte, griff sie wieder nach dem Brief, wendete ihn und starrte auf den Absender. Nach all den Jahren war ihr immer noch komisch zumute, wenn sie den Namen las. Es war eine Melange aus Herzklopfen und Widerwillen, sehr seltsam. Mit angehaltenem Atem nahm sie ein Obstmesser und schlitzte den Umschlag auf. Sie überflog die

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