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Babettes Fest

Babettes Fest

Titel: Babettes Fest
Autoren: Tania Blixen
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1 . Zwei Damen in Berlevaag

In Norwegen gibt es einen Fjord – einen langen, schmalen Meeresarm zwischen hohen Bergen – mit Namen Berlevaag-Fjord. Am Fuß der Berge liegt die kleine Stadt Berlevaag, die wie ein Puppenstädtchen aus dem Kinderbaukasten aussieht: lauter hölzerne Häuserchen in grau, gelb, rosa und vielen anderen Farben.
Fünfundsechzig Jahre ist es her, da lebten in einem der gelben Häuser zwei ältere Damen.
Die Damenwelt trug zu jener Zeit die Tournüre, und die beiden Schwestern hätten sich mit allem Anstand so kleiden können, denn sie waren rank und schlank gewachsen.
Doch sie hatten nie auch nur den geringsten Modeartikel besessen, sich vielmehr zeitlebens in züchtiges Grau und Schwarz gehüllt.
Ihre Taufnamen waren Martine und Philippa, nach Martin Luther und seinem Freund Philipp Melanchthon. Ihr Vater war Propst gewesen und ein Prophet, Gründer einer pietistischen Partei oder Sekte, die in ganz Norwegen bekannt und hoch angesehen war. Die Mitglieder versagten sich die Freuden dieser Welt; denn die Erde mit ihren sämtlichen Gaben galt ihnen als eine Art Sinnentrug, und die einzige Wirklichkeit war das Neue Jerusalem, nach dem sie strebten. Sie enthielten sich jeglichen üblen Worts, ihre Rede war ja ja und nein nein, und sie nannten einander Brüder und Schwestern.
Der Propst hatte spät geheiratet und war nun schon lange tot. Seine Jünger wurden Jahr für Jahr geringer an der Zahl, weißhaariger, kahlköpfiger und schwerhöriger, und allmählich bildete sich unter ihnen auch ein gewisses streitsüchtiges Querulantentum heraus, so daß in der Gemeinde betrüblicherweise zuweilen Spaltungen entstanden. Doch kamen sie immer noch zusammen und lasen und deuteten das Wort des Herrn. Sie hatten alle die Propsttöchter noch als kleine Mädchen gekannt, und in ihren Augen waren die beiden immer noch zwei recht junge Dinger, an denen man um ihres seligen Vaters willen mit besonderer Liebe hing. In dem gelben Haus hatten die Gemeindemitglieder das Gefühl, daß der Geist ihres Meisters bei ihnen war; hier fühlten sie sich zu Hause und geborgen.
Die beiden Damen hatten ein französisches Dienstmädchen mit Namen Babette.
Das war eine ungewöhnliche Sache für zwei pietistische Weibsleute in einem norwegischen Städtchen; so ungewöhnlich, daß es nach einer Erklärung verlangte. Die Leute von Berlevaag fanden diese Erklärung in der Frömmigkeit und Herzensgüte der beiden Schwestern. Die Propsttöchter gaben ihre Zeit und ihr bißchen Geld für Werke der Nächstenliebe hin; kein Mühseliger und Beladener klopfte umsonst an ihre Tür. Und auch Babette war vor zwölf Jahren als ein Flüchtling an diese Tür gekommen, halb irre vor Kummer und Sorge.
Die wahre Ursache freilich für Babettes Anwesenheit im Hause der Schwestern lag weit zurück in vergangener Zeit und ruhte tief verborgen in den Kammern des Menschenherzens.

2. Martines Liebhaber

Als junge Mädchen waren Martine und Philippa außerordentlich hübsch gewesen, von der beinahe übernatürlichen Schönheit eines blühenden Obstbaums oder des ewigen Schnees. Auf Bällen und Gesellschaften waren sie nie zu sehen, aber die Leute drehten sich um, wenn sie ihnen auf der Straße begegneten, und die jungen Männer von Berlevaag gingen in die Kirche, um sie hereinkommen zu sehen. Die jüngere von den Schwestern hatte zudem eine reizende Stimme, die am Sonntag die Kirche mit Wohllaut erfüllte. Für die Brüderschaft des Propstes bedeutete die irdische Liebe, und so auch die Ehe, nichts Besonderes, im Grunde eigentlich nicht mehr als Sinnentrug; dennoch ist es möglich, daß mehr als einem unter den älteren Gemeindebrüdern die beiden Mädchen köstlicher schienen als Edelsteine und daß sie dieses dem Gemeindevorstand auch nicht vorenthielten. Der Propst aber hatte erklärt, für ihn in seinem Amt seien die beiden Töchter gleichsam die rechte und die linke Hand – wer könne da wünschen, ihn ihrer zu berauben? Die beiden schönen Mädchen waren zu einer Idealvorstellung von himmlischer Liebe erzogen, sie wußten von nichts anderem und ließen sich nicht berühren von weltlichen Flammen.
Und doch hatten sie den Herzensfrieden von zwei Herren aus der großen Welt außerhalb Berlevaags gestört.
Es gab da einen jungen Offizier namens Lorens Löwenhjelm, der in seiner Garnisonstadt ein flottes Leben geführt und sich verschuldet hatte. Im Jahre 1854, als Martine achtzehn und Philippa siebzehn waren, schickte ihn sein empörter Vater für

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