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Ausgeträllert (German Edition)

Ausgeträllert (German Edition)

Titel: Ausgeträllert (German Edition)
Autoren: Minck
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Kapitel 1
    Oh, nein ... Chef! Cheeef ...! Wolfi, lass das! Verflucht noch mal, Herr Heibuch!«, rief ich, denn ich hatte die Katastrophe kommen sehen. Trotz Hechtsprung kam ich zwei Nanosekunden zu spät, hing mit einem Ellenbogen in einer Ladung Krabbenhäppchen und musste mit ansehen, wie heiße Zartbitterschokolade über den Rand des Schokoladenbrunnens hinwegschwappte und sich über das blütenweiße Tischtuch und die daneben stehende Platte mit den Lachskanapees ergoss. Ich schubste Wolfi beiseite, der mit einem Dessertlöffelchen versuchte, die Schokoladen-Lava aufzuhalten. Hoch konzentriert biss er sich dabei auf die Zunge, schob seinen Unterkiefer nach vorne und knurrte den Schokoladenbrunnen an, als der kleine Löffel von der heißen, braunen Masse begraben wurde. Jetzt kam es für mich nur noch darauf an, Wolfi daran zu hindern, mit beiden Händen in der Schokolade nach dem Löffel zu fischen - was nicht so einfach war, denn der junge Mann war grundsätzlich nicht so leicht zu überzeugen.
    Nicht dass Wolfi irgendeine wichtige Aufgabe bei diesem Job zu erledigen hätte – er hatte gar keine Aufgabe zu erledigen, und ich wusste auch nicht so genau, wo er plötzlich hergekommen war und warum, außer dass er immer aus dem Nichts auftauchte, um Unsinn anzustellen. Wolfi war der geistig etwas zurückgebliebene achtundzwandzigjährige Sohn meines Chefs. Allmorgendlich wurde er mit frisch gestärkter weißer Schürze und weißem T-Shirt wahlweise in die Cateringküche, die Metzgerei oder die Pommesbude der Heibuchs geschoben, und dann durfte er alles machen, was er wollte. Das Schlimme an der Sache war, Wolfi machte auch alles – was zu Verwirrung an den einzelnen Arbeitsplätzen in Günter Heibuchs vielfältigem Wattenscheider Familienunternehmen führte.
    Das Gute daran war, ich konnte es nicht leugnen, dass ich ihm alle Katastrophen in die Schuhe schieben konnte, die eigentlich auf mein Konto gingen, denn von Pommesbude, Metzgerei und Catering hatte ich genauso wenig Ahnung wie eine Kuh vom Eistanzen. Wie alle Welt wusste, endete meine Küchenkompetenz bei Espresso, Schinkenröllchen und Spaghetti Carbonara. Für alles, was darüber hinausging, fehlte mir die Sachkenntnis und die Geduld, es herzustellen.
    Wenn Wolfi einen guten Tag hatte, sagte er mir wenigstens, wo sich diverse Gerätschaften wie Messer, Schöpflöffel oder Kochtöpfe verbargen, die er täglich mit Akribie spülte und in der großen Cateringküche der Heibuchs neu sortierte. Dabei ging Wolfi durchaus systematisch vor; nur, welches Motto er an jedem Tag verfolgte, das war immer wieder eine Überraschung für diejenigen, die versuchen mussten dahinterzukommen, wenn sie arbeiten wollten – also wir. Es konnte passieren, dass seine Devise an einem Tag ›klein‹
und
›groß‹ war, was dazu führte, dass alle großen Sachen zusammengestapelt waren und alle kleinen. Also kleine Löffel, kleine Teller, kleine Tassen usw. Die größte Verwirrung hatte er angestellt, als er sich eines Tages vorgenommen hatte, die gesamte Küche nach dem Alphabet zu ordnen: Abtropfsiebe über Auflaufformen, Brotschalen neben Buttermessern, Chilipulver in der Chinapfanne, obwohl er da ins Schleudern geraten war, weil er durchaus wusste, dass das Ding auch Wok genannt wird. Also hatte er in seiner Not beschlossen, einen Wok auf die Waage zu stellen und einen über die Tüte mit Chilipulver zu stülpen. Wolfis Ordnungswut kannte keine Grenzen, und sämtliche Mitarbeiter bei Heibuch waren sich darüber einig, dass sein Hirn explodieren würde, sollten ihm eines Tages die Ordnungssysteme ausgehen.
    Mittlerweile hatte Wolfi den Dessertlöffel wiedergefunden und hielt ihn mir lachend entgegen. Die Schokolade tropfte über seine Schürze, floss über sein Handgelenk und versickerte im Ärmel seiner weißen Kochjacke. Ich zog den Stecker des Schokoladenbrunnens aus der Steckdose. Dann versuchte ich, Wolfi den Löffel aus der Hand zu winden und ihn sanft aber bestimmt ins Hinterzimmer der
Roten Laterne
zu schieben, wo der Nachschub fürs Buffet lagerte. Aber Wolfi, über eins neunzig groß und breit, ließ sich nicht gerne schieben. Während ich also an seiner über und über mit Schokolade beschmierten Schürze zog und zerrte, versuchte er, mich mit dem heißen Brei zu füttern.
    »Wolfi, lass das. Gib mir den Löffel.« Ich grabschte nach seiner linken Hand, der Löffel flog in hohem Bogen durch die Luft und landete klatschend im Dekolleté von Elli, die zwischen den

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