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Aufbruch - Roman

Aufbruch - Roman

Titel: Aufbruch - Roman
Autoren: Ulla Hahn
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Großvater mich hin zu unserer Weide, wo wir im Sommer so oft eine Decke ausgebreitet, gespielt und geträumt hatten. Der Rhein, das Wasser, die Steine. Die Großvaterweide. Dä Rhing, dat Wasser, de Steen. Alles war, wie es sein sollte.
    Schneewolken zogen heran, schoben sich vor die Sonne, es wurde rasch dunkel. Kein Mensch in Sicht. Bis auf einen. Auf dem eisharten, steinigen Ufer holperte ein Fahrrad langsam näher, darauf ein klobig verpacktes Rechteck mit Mützenkopf, den Schal über Mund und Nase. Der Bruder hatte mich aufgespürt. Ein guter Schüler auch er, war für ihn der Übergang aufs Gymnasium, das Möhlerather Schlossgymnasium, leicht
gewesen; er war ein Junge, und die Patentante, eine Schwester des Vaters, bezahlte das Schulgeld. Sie hatte den elterlichen Bauernhof übernommen und mit dem Verkauf der Felder als Bauland jet an de Föß. Sie hatte Geld.
    Welch eine Freude hatte es Bertram in den vergangenen Monaten gemacht, mir, der älteren Schwester, die sonst immer alles besser wusste, Latein beizubringen. Reines Spiel war es für uns beide, unsere Welt in der Sprache Gottes neu zu erschaffen, Dinge unseres Alltags, von denen sich die alten Römer nichts hatten träumen lassen, in deren Kosmos zu entrücken. Ein Kilometerzähler wurde zum chiliometrorum mensura, der Stromausfall zum fluoris electrici abruptio, und der Kölner FC schoss: porta! Toor!
    Mühsam brachte Bertram das Fahrrad auf dem glattgefrorenen Sand zum Halten, rappelte sich über Sattel und Querstange und wischte den Schal von Mund und Nase. Seine Hände steckten in roten Fäustlingen, auf dem Rücken eingestrickt ein weißer, angeschmuddelter Schneestern.
    »Amo, amas, amat! Dacht ich mir doch, dass ich dich hier finde«, stieß er aus kältesteifen Lippen in die Luft, die ihm sekundenlang in kurzen weißen Wölkchen vorm Mund stehen blieb.
    »Amamus, amatis, amant«, erwiderte ich. »Ja, wo soll ich denn sonst sein?«
    Amo, amas, amat - ich liebe, du liebst, er, sie, es liebt. So beginnt ein jedes Studium der Sprache Gottes. Seit unserer ersten gemeinsamen Lateinstunde war dies unsere Losung. Zauberworte, die der Bruder mir zum ersten Mal beim Besuch der Heiligen Drei Könige in der Altstraße zugeflüstert hatte.
    Bertrams Gesicht war rotgefroren wie meines, seine braunen Augen, den meinen verwandt; alle anderen in der Familie hatten helle Augen, grün die Mutter, nassblau der Vater, die Großmutter ein altersverschleiertes Grau. Während meine Kleider, meist aus dem Sack des Oberpostdirektors, dessen Tochter in meinem Alter war, immer schlotternd an mir herunterhingen, doppelt gesäumt, hinten gerafft, in der Taille geschoppt - oh,
wie hasste ich den Ausdruck für diesen Handgriff geübter Verkäuferinnen, wenn sie kleingewachsenen Menschen weismachen wollten, der Rock, unter den Hüften hängend, sitze exakt in der Taille -, während ich also geschoppt und gerafft in Wohltätigkeitsspenden einherging, stammte die Kleidung des Bruders von C&A, neugekauft, sah jedoch binnen kurzem wie eingelaufen aus. Dann musste er warten, bis die Mutter ausrief: »Alles ald widder ze spack!« 2 , und eine Reise nach Köln fällig wurde. In diesem Winter hatte er wieder einmal ne Schoss jedonn, einen Schuss getan, aber für einen neuen Anorak hatte es nicht gereicht. Bertram stak in der wattierten Jacke wie in einer Gießkanne mit zwei Tüllen. Nur an Mützen hatten wir keinen Mangel. Tante Berta, die ältere Schwester der Mutter, versorgte damit höchstselbst die gesamte Familie, und niemand, nicht einmal ihre resolute Tochter Hanni, wagte es, die tütenförmigen Eins-rechts-eins-links-Gebilde gegen modischere Kopfbedeckungen zu vertauschen.
    »Freust du dich denn auch?« Bertram schickte unseren Atemschiffchen noch ein paar hinterher.
    »Na klar!«
    »Ja, wenn jetzt der Opa hier wär!« Bertram ruckte einen Fäustling mit den Zähnen herunter. Öffnete seine schmalgefrorene Jungenhand, darin ein runder, flacher Kiesel, zwei rote Punkte am oberen Rand, darunter ein in Richtung der Punkte geschwungener Halbkreis. Der Stein lachte mich an.
    »Da, nimm«, lachte der Bruder. »Er ist sogar noch ein bisschen warm. Lapis risus. Lachstein. Direkt aus dem Forum Romanum.«
    »Tibi gratias, frater! Mensch, Bertram!« Ich griff nach seinem Arm, fasste eiskaltes Nylon mit bloßen Händen, es brannte.
    »Hilla«, Bertram legte den Stein in meine Hand, »wo sind denn deine Handschuhe?«
    »Vergessen.«

    »Hier, nimm meine.«
    »Die brauchst du doch auf dem

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