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Aufbruch - Roman

Aufbruch - Roman

Titel: Aufbruch - Roman
Autoren: Ulla Hahn
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LOMMER JONN, hatte der Großvater gesagt, lasst uns gehen!, in die Luft gegriffen und sie zwischen den Fingern gerieben. War sie schon dick genug zum Säen, dünn genug zum Ernten?
    Wie freudig war ich ihm alle Mal gefolgt, das Weidenkörbchen mit den Hasenbroten in der einen, den Bruder an der anderen Hand. Aus dem kleinen Haus in der Altstraße 2, wo die Großmutter regierte und der liebe Gott, der Vater op de Fabrik ging und die Mutter putzen, zogen wir vorbei an Rathaus, Schinderturm, Kirchberg, durch Rüben-, Kohl- und Porreefelder an den Rhein, ans Wasser. Dorthin, wo keine Großmutter Gott und Teufel beschwor, kein Vater drohte, keine Mutter knurrte, wo ich mich losriss von der Hand des Großvaters und loslief , auf und davon und weit hinein ins Leben, durch Kindergarten und Volksschule, Mittelschule und erste Liebe, eine Lehrstelle auf der Pappenfabrik, die Flucht in den Alkohol und die Erlösung daraus. War Beichtkind, Kommunionkind, Firmling gewesen, hatte mich von Hildegard in Hilla umgetauft, mir das schöne Sprechen beigebracht, das Essen mit Messer und Gabel.
    Lommer jonn, hätte der Großvater an einem Tag wie heute gesagt, frostklare Sonne, ein krisper Wind, ventus, venti, masculinum, ich hatte die Zeit seit der Kündigung meiner Lehrstelle genutzt, carpe diem, hatte mein Pensum intus, mit der Sprache, der lingua Gottes, auf tu und du. Ich hatte die Prüfung bestanden. Das Aufbaugymnasium erwartete mich. Das Wilhelm-von-Humboldt-Aufbaugymnasium.
    Lommer jonn, hätte er gesagt, und ich wickelte mich in Mütze und Schal, machte mich auf, an den Rhein, ans Wasser, dorthin, wo die Wellen mir mein erstes Buch vor die Füße gespült hatten,
einen weißen, von grauen und schwarzen Linien geäderten Kiesel. Der Stein ist beschrieben!, hatte das kleine Mädchen gejauchzt. Beinah wie das Schreibheft der Cousinen, die Zeilen im Märchenbuch der Schwester im Kindergarten.
    Ich zog die Mütze fester über die Ohren. »Verjess de Heische 1 nit!«, rief mir die Mutter nach, »komm nit ze spät noh Huus, denk an morjen!« Hinter mir fiel das Gartentor ins Schloss, ich vergrub die Hände in den Manteltaschen. Da war er, der Stein, den der Großvater lange in der Hand gewogen hatte, da waren sie wieder, seine lieben Großvateraugen, die nachdenklich abwechselnd mich, dann den Stein betrachtet hatten. Und da war sein warmes, dunkles Großvaterbrummen, das sich so friedfertig abhob von den schrillen Stimmen der Mutter, der Großmutter, den knappen, widerwilligen Sätzen des Vaters.
    Es gab einmal, hatte der Großvater damals erklärt, einen Stein, der alles verwandelt. Er leuchtete im Dunkeln und im Hellen. Als er aber auf die Erde gefallen sei, vor vielen Millionen Jahren, gleich nachdem Gott Himmel und Erde erschaffen habe, seien tausend und abertausend Steinchen abgesplittert und hätten sich über unsere Welt verstreut. Sie alle enthielten nun winzige Bruchteile dieses Himmelssteins. Dies seien die Buchsteine, de Boochsteen. Wer diese Splitter finde, sei selbst ein Licht und leuchte in der Welt. Sei gut und schön und ein Mensch, den alle lieben. Schon das kleinste Teilchen des Steins mache die Menschen selber gut und schön.
    Ich rollte den Stein in meiner Handfläche. Die Geschichte vom Pückelsche stand da noch immer. Pückelsche, hatte der Großvater uns aus dem Buchstein vorgelesen, ein kleiner Junge, aus dessen Buckel sich Flügel entfalteten, wann immer es nottat. Kälte spannte meine Lippen, die sich zu einem Lächeln verzogen und den Großvater grüßten, aber auch die kleine Hildegard, das kleine Mädchen, das ich einmal gewesen war. Ich ballte die Faust um den Stein. Unermüdlich hatte ich damals mit dem
Bruder Buchsteine gesammelt, ihm aus den Steinen die Welt erklärt; das Geheimnis von Großvaters Wutstein verraten. Hatte man sich über einen Menschen so richtig geärgert, konnte sich aber nicht wehren, musste man nur einen dunklen, dreckigen Stein in die Hand nehmen, ihn ansehen und an nichts anderes denken als an den Bösewicht und die eigene Wut. So lange, bis das fiese Gesicht aus dem Stein heraufstieg. Dann weg damit, in den Rhein. Mit sich herumschleppen durfte man Wutsteine nie, sie gehörten ins Wasser.
    Wie viele Steine hatte ich seither aufgelesen, immer neue Gesichter im Wutstein ertränkt. Dass ich mehr als einmal dem Stein mitten ins Gesicht gespuckt hatte, erlebte der Großvater nicht mehr. Auch nicht, dass ich vor noch gar nicht langer Zeit einen letzten Wutstein zusammen mit den letzten

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