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Auf und davon

Auf und davon

Titel: Auf und davon
Autoren: Ruth Thomas
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Keiner mag mich
     
     
     
    Die Hitze ließ die Luft flimmern. Durch
das offene Fenster strömte das staubige Sonnenlicht eines Sommernachmittags in
der Stadt. Unruhe zog sich durch den Raum wie ein unsichtbarer Strom. Die
Kinder waren gereizt und unkonzentriert, und Mrs. Henrey hielt es im
Klassenzimmer nicht mehr mit ihnen aus. Die 6. Klasse ging für die letzte
Stunde in den Park zum Schlagballspielen.
    Nur zwei der 24 Kinder wollten nicht
mitkommen, und eines davon war Nathan Browne aus der ersten Bankreihe. Nathan
sah aus wie ein Gnom. Er war ein schmächtiger dunkelhäutiger Junge, der die
Welt durch dicke Brillengläser betrachtete und dem meist nicht gefiel, was er
sah. Nathan hatte keine Freunde. Er rutschte seitwärts aus seiner Bank und
stellte seine Frage: „Bitte, Mrs. Henrey, kann ich hierbleiben?“
    „Nein, Nathan“, erwiderte Mrs. Henrey
barsch, „das kannst du nicht. Wir gehen alle.“
    „Ich könnte mich in Mr. Abbots Klasse
setzen“, schlug er vor.
    „Nein, Nathan. Als du das letzte Mal bei
Mr. Abbot warst, hast du mit zwei Jungen aus seiner Klasse eine Prügelei
angefangen.“
    „Hab ich nicht! Sie haben angefangen.
Kann ich gehen?“
    „NEIN!“
    Nathan sah ein, daß er sich geschlagen
geben mußte, und ging zu seinem Platz zurück. Er schmollte und betrachtete Mrs.
Henrey voller Abneigung. Sie sieht aus wie ein Schwein, dachte er, mit den
kleinen Augen, den dicken Backen und den aufgeworfenen Lippen. Am Kinn hatte
sie ein Muttermal, aus dem ein paar borstige Haare wuchsen. Nathan stellte sich
vor, wie Mrs. Henrey mit einer Horde anderer Schweine auf einem Bauernhof
herumrüsselte, und die Vorstellung munterte ihn etwas auf. Er zog hinter ihrem
Rücken eine Grimasse, was seine Laune noch mehr besserte.
    Julia Winter, ebenfalls aus der ersten
Bankreihe, sah die Grimasse und freute sich, Lieferant einer wichtigen
Information sein zu können. „Mrs. Henrey, Nathan hat Ihnen eine Grimasse
geschnitten!“
    Aber Mrs. Henrey wollte nichts wissen
von der Grimasse. „Petz nicht, Julia. Das ist eine schlechte Angewohnheit. Ich
hab dir das schon einmal gesagt.“
    Schamröte zog sich über Julias schmale
Wangen. Ihre Augen hatten die Farbe von Spülwasser, und sie begann, heftig zu
blinzeln. Sie schob die Unterlippe vor und warf die fransigen hellblonden Zöpfe
zurück, die ihr nur bis knapp über die Schultern fielen und unterhalb der
Gummibänder in dünnen Schwänzchen ausliefen. Wie soll man die Erwachsenen je
verstehen, dachte Julia. Sie wollten, daß man brav war, aber wenn man ihnen
beweisen wollte, wie brav man war, indem man sie darauf hinwies, wie böse
andere waren, paßte ihnen das auch nicht.
    Julia hatte genausowenig Lust, in den
Park zu gehen, wie Nathan, doch sie fragte nicht, ob sie zurückbleiben könne,
aus Angst, daß Mrs. Henrey ihr deshalb böse sein könnte. Sie wollte nicht, daß
Mrs. Henrey ihr böse war, sie wollte, daß Mrs. Henrey sie mochte. Wenigstens
ein Mensch in der ganzen weiten Welt sollte sie mögen.
    Als Julia in die erste Klasse kam,
hatte sie keine Ahnung, wie sie sich den anderen Kindern gegenüber verhalten
sollte. Sie schnappte sich sämtliche Buntstifte, zwickte die anderen Kinder und
beklagte sich den ganzen Tag über lautstark. So kam es, daß sich die anderen
mit der Zeit von ihr abwandten und niemand mit ihr spielen wollte.
    Inzwischen zwickte Julia keine
Mitschüler mehr und nahm ihnen auch keine Stifte mehr weg. Sie hatte eher Angst
vor ihnen. Die anderen waren so viele, und sie war ganz allein. Doch irgendwie
hatte sie es nie geschafft, die schlechten Angewohnheiten von früher ganz
auszugleichen. Dazu kam, daß sie mit ihrer ständigen ängstlichen Unglücksmiene
und den mutlos hängenden Schultern nicht besonders anziehend wirkte. Sie hielt
sich für häßlich, aber das stimmte nicht. Sie hatte schöne, regelmäßige Zähne,
nur war das noch kaum jemandem aufgefallen, weil sie fast nie lächelte. Und
Julia selbst hatte keine Ahnung, wie sehr ein richtiges Lächeln sie verändert
hätte.
    So war also Julia unter den Mädchen die
Sonderbare, die Ausgeschlossene, die Ungelenke, die die anderen um Kopf und
Schultern überragte. Zuweilen war sie Zielscheibe von Spott und Verachtung,
öfter aber wurde sie einfach nicht beachtet. Julia hatte noch nie eine Freundin
gehabt.
    „Stellt euch immer zu zweit in einer
Reihe auf“, befahl Mrs. Henrey der Klasse, und das war der Augenblick, den
Julia gefürchtet hatte. Wie immer würde niemand neben ihr

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