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Auf dem spanischen Jakobsweg

Auf dem spanischen Jakobsweg

Titel: Auf dem spanischen Jakobsweg
Autoren: Wolfgang Dannhäuser
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Vorwort
     
    von
Prof. Dr. Dieter Mayer
     
    Heute gilt
es als schick, eine „Pilgerreise“ zum galizischen Santiago de Compostela zu
unternehmen — mit dem Bus, dem Flugzeug oder dem Pkw. Einige Reiseveranstalter
bieten auch einen kurzen Fußmarsch auf dem alten Pilgerweg an, in der Absicht, ihren
Kunden das Gefühl zu vermitteln, „echte Jakobspilger“ zu sein, also zu jenen zu
gehören, die seit dem frühen Mittelalter unvorstellbare Mühen und Gefahren
erduldet haben, bevor sie ans Ziel ihrer religiösen Sehnsüchte, dem Grab des
Apostels Jakobus, gelangt sind. Berge von Büchern dienen der Reisevorbereitung,
wissenschaftliche Darlegungen zur Geschichte des Jakobskultes, kunsthistorische
Werke, Reiseführer und Bildbände. Doch was erfährt man von den Erlebnissen der
Fußpilger von heute, jener also, die diesen mühsamen Weg mit Rucksack,
Pilgerstock und Sonnenhut hinter sich bringen und dabei ausschließlich in
spartanischen Herbergen oder gleich im Freien übernachten? Hier scheint mir,
mit zunehmender Tendenz, die Neigung sichtbar zu werden, Erlebnisse auf dem
Jakobsweg fast ausschließlich unter spirituellen, neuerdings auch (abstrusen)
esoterischen Aspekten zu sehen. Nun ist der uralte Pilgerpfad sicher auch ein
spiritueller Weg, und wird es hoffentlich auch bleiben. Aber diese einseitige
Sichtweise fördert eine Innenschau, bei der der heutige Pilgeralltag
vernachlässigt wird.
    Unbefangen
und bis ins Detail scharf beobachtend öffnet uns dagegen der vorliegende
Pilgerbericht Wolfgang Dannhäusers den Blick für vielfältige Aspekte, die
dieser tausend Jahre alte Wanderweg bietet. So schildert er sowohl die
Geschichte Iberiens und die hiermit untrennbar verflochtene historische
Pilgerbewegung mit ihren Legenden, Sagen und mittelalterlichen Chroniken als
auch einmalige Kunstwerke, die sich entlang des Jakobswegs, wie die Perlen an
einer Schnur, aufreihen. Er führt uns mit viel Einfühlungsvermögen durch die
einprägsamen, sich ständig verändernden Landschaften Nordspaniens, kritisiert
mit boshafter Feder die vom Kommerz gesteuerten Verwüstungen, die, meist unter
dem Stichwort „Strukturplan“, neuerdings am Jakobsweg angerichtet werden und zu
denen offensichtlich auch die katholische Kirche zumindest schweigt. Vor allem
aber erzählt uns der Autor mit Humor und Verständnis die täglichen, oft genug
kuriosen Erlebnisse mit Fußpilgern aus vielen Ländern und unterschiedlichen
Kulturen, mit Menschen von oft origineller Prägung, die hier gewiss auch einen
„inneren Weg“ gehen wollen, aber keineswegs Angst davor haben, dass durch
gelebten Humor oder durch die abendliche Flasche Rotwein die ganze Pilgerreise
ihre innere Weihe und Würde verlieren könnte. Und so erfahren wir etwas von
einer Bärenjagd in den Pyrenäen, erleben Schnarchgewitter und Mummenschanz in
spartanischen Herbergen, hören von eingesperrten Pilgern in Belorado, treffen
den lieben Gott aus Holland, wir begegnen Hemingway in der Kathedrale von
Pamplona, aber auch einem betrunkenen Mönchlein aus Thüringen.
    Spiritualität?
Der Autor bekennt sich dazu, ein „Kind der Aufklärung“ zu sein. Und dennoch
bleiben für ihn jenseits rationaler Erkenntnis viele Fragen offen, und sie
verdichten sich auf seinen einsamen Wegen, allerdings ohne auch nur einen Hauch
missionarischer Aufdringlichkeit anzunehmen.

Viele Zweifel
am Beginn einer langen Wanderung

    P lötzlich
Lautsprechermusik, schaukelnde Bewegungen, Gebrumme, Unbehagen. Dann geht das
Licht an. Aha — ich sitze verbogen und steif auf einem Bussitz. Und gegenüber,
am anderen Fenster, räkelt sich Heinz, mein Cousin, und murmelt etwas wie
„schlecht geschlafen“. Wir fahren durch die Dunkelheit ganz langsam auf die
offene Längsseite einer großen, grell erleuchteten Halle zu, in der einige
Busse nebeneinander aufgereiht stehen. Unser Busfahrer meldet sich über
Lautsprecher mit einer kurzen Durchsage auf Spanisch, der ich wenigstens soviel
entnehmen kann, dass wir jetzt alle aussteigen müssen. Wo wir sind, weiß
offensichtlich niemand. Auch eine Spanierin, die hinter mir sitzt, zuckt auf
meine Frage nur mit den Schultern.
    Aber
wenigstens das Ziel, das mein Gefährte und ich anstreben, ist klar. Wir wollen
mit dem Bus nach Bayonne und von dort mit der Bahn nach Saint-Jean-Pied-de Port
am Fuß der französischen Pyrenäen fahren, um anschließend als Pilger über den
tausendjährigen „Jakobspfad“ bis ins ferne Santiago de Compostela zu wandern. Wohin
die anderen

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