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Auf Amerika

Auf Amerika

Titel: Auf Amerika
Autoren: B Schroeder
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    Einmal fahren wir mit dem Bus auf München hinein in den Tierpark Hellabrunn. Mein Vater schimpft furchtbar, weil alle Viecher in viel zu kleine Käfige eingesperrt sind. Ein Leopard kann sich in seinem Käfig nicht einmal umdrehen, ohne dass er an die Stäbe stößt. Eine Sauerei ist das, sagt mein Vater, er hat die Tiere in der freien Natur – nein, er sagt nicht Natur, er sagt Wildbahn –, in der freien Wildbahn hat er die Tiere gesehen. Wann und wo mein Vater einen Leoparden gesehen hat, der nicht in einem Käfig war, weiß ich nicht, und ich wundere mich, dass mein Vater, wenn er einen gesehen hat in der freien Wildbahn, noch lebt. Wir gehen danach nie mehr in den Tierpark. Ein andermal gehen wir aufs Oktoberfest, wo sie meinem Vater beim Auf-geht’s-beim-Schichtl den Kopf abschlagen und wieder dranmachen. Ich habe ganz wenig Angst um den Vater und seinen Kopf. Nach dem Schichtl gehen wir in ein großes Zelt, wo der Vater zwei Maß trinkt, was ihn sehr fröhlich macht. Alle Leute, sogar ganz fremde, mögen den Vater, weil er so viele Geschichten weiß. Einmal fahren wir nach Riem, zum Flugplatz, wo alle die Flugzeuge stehen, die man sonst bei uns draußen nur wie einen silbernen Pfeil am Himmel sieht. Wie sie so dastehen, die Flugzeuge, glaube ich nicht, dass die fliegen können, noch dazu mit so vielen Menschen im Innern. Aber dann sehen wir sie starten und landen. Mein Vater sagt, dass er Fernweh hat. Das kenne ich nicht, ich kenne nur Heimweh. Das hatte ich, als ich mal im Waisenhaus war. Andere Ausflüge machen wir nicht. Meine Mutter bleibt immer daheim. Sie mag die vielen Menschen nicht.
    Da mein Vater immer da ist, glaube ich nicht, dass er überall da war, wo er sagt, dass er war. Aber er kann von überall in der Welt erzählen, als wäre er dort gewesen. Manchmal, wenn er betrunken ist, höre ich meinen Vater sagen: Als ich seinerzeit in Indien war. Oder: Die Bären in Kanada, die waren größer als wir. Oder: Wenn man den Petersdom von innen sieht, dann ist der so groß wieder nicht.
    Eigentlich wird bei uns im Dorf niemand fotografiert. Außer meiner Mutter hat ja niemand einen Fotoapparat. Meine Mutter fotografiert viel mit ihrer Agfa-Box. Blumen fotografiert sie und Bäume und Felder und den Wald, und das alles zu allen Jahreszeiten. Einmal fotografiert sie den Nebel, nichts als den Nebel. Da ist auf dem Foto nur alles grau, und mein Vater lacht und sagt zur Mutter, Elfriede, so sieht es in deinem Kopf aus.
    Hunde und Katzen fotografiert die Mutter auch und ganz kleine Viecher, Käfer und Bienen und so was. Weil sie aber die Menschen nicht mag, fotografiert sie die nicht. Keinen einzigen, meinen Vater nicht, mich nicht, keinen Menschen, nicht einmal kleine Kinder. Auch die Amisoldaten und die Neger, mit denen mein Vater amerikanisch spricht, fotografiert sie nicht. Am Mittwoch fährt die Mutter mit den Weibern aus dem Dorf mit dem Bus in die Kreisstadt und bringt die Filme zum Entwickeln. Die Woche drauf, wieder am Mittwoch, bringt sie die Bilder mit, die sie in große Bücher hineinklebt. Auch den Nebel klebt sie hinein. Unter die Bilder schreibt sie mit ihrer schönen Schrift, was man auf dem Bild in Schwarzweiß sieht: Eiche. Sonnenblume. Käfer. Nebel. Kirche. Pfarrhaus. Schule. Feuerwehrteich. Hölle. Haus vom Lammer. Dahinter schreibt sie jeweils das Datum, was für mich keinen Sinn hat, weil das Haus vom Lammerbauern, in dem wir wohnen, immer gleich aussieht. Jahrelang. Und nicht nur das Haus vom Lammer, fast alles, was sie fotografiert, sieht immer gleich aus.
    Als wir später ein eigenes Haus haben, von dem mein Vater immer sagt, dass es nicht uns und auch nicht der Berliner Oma, sondern der Raiffeisenbank gehört, fotografiert sie das nicht, weil sie sagt, so ein hässliches Haus, so eine Schuhschachtel, die einem nicht einmal selber gehört, muss man nicht auch noch fotografieren. Ich mag das Haus auch nicht, darum macht es mir nichts aus, dass es dem dicken Mann von der Raiffeisen gehört. Wegen mir hätten wir das Haus nicht gebraucht. Ich habe viel lieber auf dem Lammerhof gewohnt.
    Auch Kühe und Ochsen und Pferde fotografiert meine Mutter nicht. Vor denen hat sie Angst. Die sind ihr zu groß. Und den Stier vom Wirt fotografiert sie nicht, und den Veit, den Knecht vom Wirt, erst recht nicht.
    Darum habe ich keine Fotografie vom Veit.

3
    Mein Vater glaubte sehr häufig annehmen zu dürfen, meine Mutter habe nur Nebel im Kopf, nichts als Nebel. Er hielt jeden Menschen, der nicht

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