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Auch Deutsche unter den Opfern

Auch Deutsche unter den Opfern

Titel: Auch Deutsche unter den Opfern
Autoren: Benjamin Stuckrad-Barre
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[ Inhalt ]
    Vorwort
    Ich lese jeden Tag Zeitung, höre jeden Tag Nachrichten im
     Radio, und sehe das, was ich schon den ganzen Tag lang gehört und gelesen habe,
     abends noch drei- bis viermal im Fernsehen. Ich bin informiert über alles und alle,
     über jedes und jeden. Durch das ständige Hören und Sehen entgehen mir nicht die
     kleinsten Nuancen in der sich ständig entwickelnden Darbietung aktueller Realitäten.
     Da ich in München den Sender Bayern Fünf höre, der alle fünfzehn Minuten Nachrichten
     von sich gibt, und in Berlin Info-Radio vom RBB, der das gleiche alle zwanzig
     Minuten darbietet, weiß ich auch ganz genau Bescheid über die Hierarchie der
     gegebenen Informationen. Es würde genügen, beide Sender zur halben und zur vollen
     Stunde abzuhören, denn da passieren die wichtigen Sachen, und nicht um viertel oder
     zwanzig nach oder vor. Es gab mal einen Werbeslogan für Bayern Fünf, der dazu
     aufforderte, mit dem Ohr unentwegt dran zu bleiben: »…denn in fünfzehn Minuten kann
     sich die Welt verändern.« Kann sein, wenn wir öfter mal, möglichst alle
     Viertelstunde, einen Nine-Eleven oder einen Tsunami hätten. Man hat dann den Spruch
     etwas verändert, wahrscheinlich, weil er sich durch die Assoziierung von
     Katastrophen doch als kontraproduktiv für die Zuhörerquote erwies. Außerdem möchte
     der Mensch gar nicht, dass sich dauernd was ändert, und wenn, dann höchstens in dem
     Sinne des von der Politik, insbesondere der bayerischen, seit Jahrzehnten immer
     wieder mit neuen, unerwarteten Inhalten versehenen Spruches: »Es muss was geschehen,
     aber es darf nix passieren!«
    Da ist mir die Information durch das geschriebene Wort, in
     meinem Fall noch die Zeitung, doch viel lieber. Ganz abgesehen davon, dass »gelesen
     haben« einfach seriöser klingt als »gehört haben«. Ausgesprochen elitär, wenn auch
     schon mit dem leichten Beigeschmack von altmodisch, klingt es, etwas »in einem Buch
     gelesen« zu haben. Das Buch hateinen großen Vorteil gegenüber den
     audio-visuellen Medien: Es kann, aber muss nicht aktuell sein. Wir sollten ohnehin
     aufhören, die Aktualität (»das zum gegenwärtigen Zeitpunkt Wesentliche«) als
     Kriterium für die Beurteilung von Qualität zu verwenden. Es könnte sonst sein, dass
     einer, der gerade »Asterix und Obelix« liest, sich seinem Gewissen gegenüber
     verpflichtet fühlt, dabei an Guerillakriege des 21. Jahrhunderts zu denken und diese
     Erkenntnis auch als gegenwärtig wesentlich zu verbreiten.
    In der Literatur gibt es seit Ende des 19. Jahrhunderts
     den Begriff der literarischen Reportage. In den Zwanziger Jahren des 20.
     Jahrhunderts soll diese Gattung angeblich ihren Höhepunkt erreicht haben. Dabei
     dürften einige Jahrhunderte unter den Tisch gefallen sein. Vielleicht lässt sich bei
     der »Ilias« noch über die Identität des Autors streiten, dem Werk allerdings ist
     erheblicher Realitätsgehalt nicht abzusprechen. Der Gallische Krieg gilt nicht als
     von Cäsar erfunden, aber durchaus als ein wesentliches Stück lateinischer Literatur.
     Wie ist die Italienische Reise von Goethe literarisch einzuordnen und wie die
     Reisebilder von Heine? Borges hat sehr viel später noch die »lateinamerikanische
     Phantastik« miterfunden, in der er zwar real existierende Personen benennt und
     zitiert, andererseits nichtwirkliche Elemente als Realität behandelt. Irgendwann hat
     sich dann schließlich Truman Capote in aller Bescheidenheit als alleiniger und
     eigentlicher Erfinder der Gattung geoutet.
    Ob das vorliegende Buch dazu gehört, fragt sich
     allerdings. Schon der Titel »Auch Deutsche unter den Opfern« könnte vermuten lassen,
     dass es sich hier nur um längst fällige kritische Gedanken zur militärischen
     (Afghanistan) und medizinischen (Gesundheitsreform) Lage der Nation handelte. Man
     würde aber dem Autor unrecht tun, wenn man ihm unterstellte, den Leser nicht bewusst
     in die Irre zu führen. Er weiß schon, was er gemeint hat, auch wenn er es nicht
     gleich sagt.
    Der Autor beschreibt, was ist . Er schreibt Szenen,
     Momentaufnahmen, szenische Ausschnitte. Von diesen Ausschnitten kann der Leser auf
     das Ganze schließen oder auch nicht. Im ersten Fall amüsiert er sich, imzweiten denkt er darüber nach, worüber er sich amüsiert hat und
     was das Ganze sein könnte.
    Dieses Ganze kann sowohl inhaltlicher Art sein als
     auch stilistischer. Ich habe immer vermutet, dass die Wahrheit eher im Stil des
    

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