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Ash Mistry und der Dämonenfürst (German Edition)

Ash Mistry und der Dämonenfürst (German Edition)

Titel: Ash Mistry und der Dämonenfürst (German Edition)
Autoren: Sarwat Chadda
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Kapitel 1
    »Wenn das eine Kobra ist, fress ich ’nen Besen!«, sagte Ash voller Überzeugung. Schließlich war es völlig ausgeschlossen. Waren Kobras nicht sogar vom Aussterben bedroht? Jedenfalls durfte man sie nicht als Haustier halten, nicht einmal hier in Indien.
    »Und ob das eine Kobra ist«, widersprach seine Schwester Lucky.
    Ash beugte sich weiter vor. Im Takt der Flötenmusik eines Schlangenbeschwörers wiegte sich die Schlange geschmeidig hin und her. Langsam blinzelnd beobachtete sie Ash aus smaragdgrünen Augen, während ihre Schuppen im grellen Sonnenlicht moosgrün und schwarz glitzerten.
    »Glaub mir, Lucks«, sagte Ash. »Das ist keine Kobra.«
    In diesem Moment blähte die Schlange ihre Haube auf.
    Und ob es eine Kobra war.
    »Hab ich dir ja gleich gesagt«, meinte Lucky.
    Auf der ganzen weiten Welt gibt es nur eine Sache, die schlimmer ist als eine neunmalkluge Schwester. Und das ist eine drei Jahre jüngere neunmalkluge Schwester.
    »Was ich meinte, war: Klar, natürlich ist es eine Kobra. Aber eben keine echte Kobra«, entgegnete Ash schnell, fest entschlossen, nicht klein beizugeben. »Man hat ihr die Giftzähne gezogen, das macht man bei allen so, also kann man sie kaum noch eine Kobra nennen. Sie ist viel eher ein langer Wurm mit Schuppen.«
    Als hätte die Schlange das Gespräch mitverfolgt, zischte sie laut und zeigte ihre beiden langen, nadelspitzen Giftzähne.
    Lucky winkte ihr zu.
    »Wenn ich du wäre, würde ich das nicht –«
    Schneller, als Ash schauen konnte, schnellte die Kobra auf ihn zu und landete zwischen ihm und seiner Schwester auf dem Boden. Ash starrte auf das weit aufgerissene Maul und die zwei klaren Gifttropfen, die an den Zähnen hingen.
    »Parvati!«, schimpfte der Schlangenbeschwörer, woraufhin die Kobra wenige Zentimeter vor Ashs Hals innehielt.
    Mann, war das knapp!
    Der Schlangenbeschwörer klopfte mit seiner Flöte herrisch gegen den Korb neben sich. Mit einem letzten Blick auf Ash schlängelte die Kobra hinein und rollte sich zusammen. Der Mann schloss den Deckel.
    Erleichtert fing Ash wieder an zu atmen und sah Lucky an. »Alles okay?«
    Sie nickte.
    »Hey, ich habe dir gerade das Leben gerettet!«, verkündete Ash stolz. »Ich habe mich praktisch zwischen dich und diese unfassbar giftige Schlange geworfen. Legendär tapfer nenne ich das!« Und legendär dämlich, gestand er sich ein, nachdem sein Herz nicht mehr wie verrückt hämmerte. Aber seine kleine Schwester zu beschützen, war nun einmal seine Aufgabe. Genauso wie es ihre war, so viel Ärger wie nur möglich anzustiften.
    Der Schlangenbeschwörer sprang auf. Er hatte O-Beine, war uralt und kaum mehr als ein Bündel Knochen, verpackt in faltige, schmutzige, dunkle Haut und einen safrangelben Lendenschurz. Außer seiner Schlange und der Flöte besaß er nur noch eine Art Umhängebeutel, der aus einem alten Sack genäht war, und einen Gehstock aus Bambus. Lange Dreadlocks hingen ihm bis zur Hüfte.
    Er war ein Sadhu , ein heiliger Mann, von denen es in Varanasi Tausende gab. Varanasi war die heiligste Stadt in ganz Indien, erbaut an den Ufern des heiligen Flusses Ganges. Eine alte Legende der Hindu besagt, dass man auf direktem Weg in den Himmel kommt, wenn man hier stirbt – ganz ohne Umwege über die ständige Wiedergeburt. Deshalb tummelten sich auf den Straßen unzählige alte Menschen, die allesamt nach der landestypischen Redewendung lebten: Varanasi sehen und sterben .
    Abgesehen von den Alten war die komplette Stadt wie ein einziges, lebendig gewordenes Museum. In jeder Ecke gab es einen uralten Tempel oder irgendeinen halb verfallenen Palast. Und Ash war verrückt nach Geschichte. Nichts liebte er so sehr, wie Schlösser zu erkunden oder in Museen herumzustreifen und dort die Waffenausstellungen zu bestaunen. Der erste Tag in Varanasi war ein aufregendes Abenteuer gewesen: Er hatte die schmuddeligen Gassen und verwinkelten Seitenstraßen durchforstet und das eindrucksvolle, fast schon überwältigende Leben Indiens aus nächster Nähe erlebt.
    Aber jetzt?
    Jetzt, zwei Wochen später, fühlte Ash sich erdrückt von der schwülen Hitze, dem Gestank, den Menschenmassen, den Schwarzhändlern und dem allgegenwärtigen Tod.
    Die schmalen Straßen glühten in der Julihitze. Autos, Rikschas, Bettler, Händler, Pilger und heilige Männer bevölkerten dicht gedrängt die Gassen und Fußwege. Plötzlich ratterte ein Motorroller an Ash vorbei, dessen Fahrer kräftig auf die quakende Hupe drückte, weil er

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