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Aqualove

Aqualove

Titel: Aqualove
Autoren: Nola Nesbit
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But I’m a creep, I’m a weirdo,
What the hell am I doing here?
I don’t belong here
I don’t belong here
Radiohead, „Creep“
     
    Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen
Gesetzgebung gelten könnte.
Immanuel Kant, „Kritik der praktischen Vernunft“
    Prolog
    Die Stille ist unvergleichlich, vollkommen, so dicht und weich wie Zuckerwatte. Süß und schwer umgibt sie mich. In Sekunden werden meine Lungen kollabieren. Kollabieren Lungen, wenn sie sich mit Wasser füllen? Meine Augen sind weit aufgerissen und nehmen alles wahr: die kleinen Schwebeteilchen im Wasser, den hellen Fleck an der Wasseroberfläche, der sich langsam entfernt, den Weg des Lichts, von oben nach unten an Intensität und Farbe abnehmend. Mein Herz wird aufhören zu schlagen. Ich halte die Luft nicht länger an und schlucke Wasser. Die Panik packt mich plötzlich. Ich wehre mich gegen den Zug an meinem Bein, wissend, dass ich nach oben muss. Ich trete um mich, versuche krampfhaft, Schwimmbewegungen zu machen. Schmerzen. Sinnlos.
    Nur noch ein Wunsch: Luft, Luft, Luft!!
    Die Bilder kommen in Farbe: Meine Mutter. Sie trägt mich auf dem Arm. Sommer. Ihr blonder Pferdeschwanz wippt auf und ab. Ich schaue sie an. Sie lacht mit dieser kleinen Lücke zwischen den Vorderzähnen. Ihre bunte Bluse flattert im Wind. Bei diesem Schnitt und den grellen Farben ist es gut, dass die Zehnerjahre des neuen Jahrtausends unwiderruflich vorbei sind. Die Wiese leuchtet in einem unnatürlichen Grün. Würden die Halme nicht im Wind wogen, es könnte Kunstrasen sein. Mein Vater mit seiner uralten Drahtbrille und dem schrecklichen Pullover aus Computerstrick löst sich vom Hintergrund. Na, wenigstens ist er warm genug angezogen. Es müssen mindestens 25 Grad im Schatten sein. Seine ungekämmten braunen Haare stehen ab. Er zeigt mit der Hand auf mich. Sein Mund formt Worte, die ich nicht verstehen kann. Lila, unsere schwarz-weiße Promenadenmischung, springt mit heraushängender Zunge um uns herum. Ein Schmetterling flattert vorbei. Sieht aus wie ein Schwalbenschwanz mit dem schwarzen Muster auf hellgelben Flügeln. Wo ist der rote Punkt? Ich konzentriere mich auf die unteren Flügelspitzen und versuche ihn auszumachen.
    Da hält mich etwas fest. Ich spüre den eisernen, unnachgiebigen Griff. Es zieht an mir. In diesem Augenblick weiß ich, dass dies die letzten Bilder sind, die ich in meinem Leben sehen werde.
    Lass mich!, denke ich. Ich will zurück. Meine Gedanken dehnen sich wie Kaugummi. Wie durch einen Sog reißt mich etwas nach hinten. Das Wasser erdrückt mich. Meine Zeit läuft ab. Ich schlucke und schlucke. Meine Ohren pochen, in meinem Kopf explodieren kleine Blitze, und auf meiner Brust liegen Zentner. Ich gebe auf.
    Ich sinke weiter ins Dunkle auf dem Weg in den einsamen Tod. Und ich frage mich, warum ich mich jemals in die Nähe von fließendem Wasser begeben habe.

Auftrag
    „Ja, ich kümmere mich drum.“ Klar, dass ich wieder den Kleinkram für Keeler erledigen musste. Ich setzte mich im Bett auf und dachte noch einmal darüber nach, ob heute Dienstag oder Mittwoch war. Keeler schwadronierte weiter ohne Punkt und Komma. Normalerweise sah ich ihn nur zwei- oder dreimal im Monat, wenn ich meine Artikel ablieferte. Mehr wurde das fürs Chicago IN & OUT nie. Ich schrieb gern über Theater, Film und Kunst. Zur Not machte ich auch mal eine Restaurantkritik, aber spezialisiert war ich auf Interviews mit Stars und Sternchen. Die verkaufte ich dann an alle interessierten Online-Redaktionen.
    „Mensch, Keeler! Warum schickt ihr keinen Boten? Ich sag es ungern. Aber um nur ein paar Antworten abzuholen, bin ich definitiv überqualifiziert.“
    „Danke für den Hinweis, Nia. Ich werde es bei deiner Honorarabrechnung wohlwollend berücksichtigen“, bemerkte Keeler sarkastisch. „Der Typ wohnt schließlich in Sandy Hills.
    Wir brauchen die Antworten dringend für die neue Ausgabe am Freitag. Du wohnst in der Nähe und musst ohnehin mal wieder für die Redaktionssitzung morgen reinkommen.“ Pause. „Bist du noch dran?“
    „Ja klar. Ich warte auf den eigentlichen Grund.“
    Ich konnte mir vorstellen, wie er sich im Sessel zurücklehnte, das gestreifte Hemd über dem eindrucksvollen Bauch spannend, und mit der Hand durch die wenigen Haare fuhr, die ihm noch geblieben waren. Ich hörte ihn kellertief seufzen. „Wenn alle meine Freien mich so viel Zeit kosten würden wie du, könnten wir nur zweimal im Jahr

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