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Aprilwetter

Aprilwetter

Titel: Aprilwetter
Autoren: Thommie Bayer
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Hier ist alles, was er braucht. Hier weiß Benno, wer er ist. Von neun Uhr morgens bis abends um sechs steht er hinter der Theke und macht Espresso, Cappuccino und Milchkaffee. Mehr als Gruß und Lächeln wird hier nicht von ihm erwartet; für den Text der Unterhaltung sorgen alle lieber selbst. Sie sind mit sich beschäftigt, ihren Plänen, ihren Wunden, ihrer Einsamkeit. Der sich die meisten just entronnen glauben, hierher in den Rauch und Kaffeeduft, das Stimmengewirr und Klappern von Geschirr, zu den anderen, zu ihm, ins La Storia.
    Sie fühlen sich unter Gleichen, aber auch wenn die Gemeinsamkeiten überwiegen – alle schlafen, essen, sehnen sich und werden sterben –, ist doch das, was sie trennt, von Gewicht: ihr Bild von der Welt. Bei Günther Jauch würde sich jeder woanders geschlagen geben. Der eine hat noch nie von Montessori gehört, die andere nicht von Eichmann, der dritte hält eine Synapse für etwas aus der Bibel, und die vierte Willy Brandt für einen Schauspieler. Natürlich kennen sie alle Einstein, Hitler und Lady Di, vielleicht auch Gandhi, Bob Dylan und Mao, aber das hilft ihrer Orientierung in der Welt und Geschichte etwa so viel, als glaube man Deutschland zu kennen, wenn man in Hamburg war.
    Benno mag seine Gäste. Er hält sich nicht für etwas Besseres, nur weil er weiß, dass jeder in seiner eigenen Provinz lebt, die ihm Mittelpunkt der Welt ist, und er sich darin selbst kein Rätsel, sondern Teil einer Ordnung, eine Sonne, umgeben von Planeten.
    —
    Das La Storia ist zwar klein, eine klassische italienische Kaffeebar mit fünf Stehtischen und einer Theke auf vierzig Quadratmetern, liegt jedoch sehr gut, am Weg von der Uni zur Stadtmitte, und entwickelt sich zur Goldgrube, weil Benno sie mit nur zwei Leuten betreibt, die Miete überschaubar ist und sein Kaffee einen gewissen Ruf hat. Er bezieht ihn von einer kleinen Rösterei im Schwarzwald, zwar teurer als die großen Marken, dennoch lohnt es sich. Er hat keine Angst vor Starbucks oder Lavazza und Co. Es scheint sogar, als hätten die Angst vor ihm, denn noch ist keiner aufgetaucht. Hier, in dieser überschaubaren Stadt mit ihrem gemächlichem Tempo ist Benno Krantz der Platzhirsch. Seit nunmehr bald zwei Jahren.
    Das verdankt er nicht nur seinem Charme, Geschick und Fleiß, sondern vor allem Daniel, der ihn in Nashville aus dem Alkohol- und Muckersumpf gezogen und in diese stille Ecke seiner Heimatstadt verpflanzt hat.
    —
    Damals besaß Benno nicht viel mehr als ein paar Kleidungsstücke, Radio, Toaster, Dieselgenerator, eine Gitarre, die 59er Fender Stratocaster, die er schon seit Jahren spielte, und den Camper, in dem er wohnte, der ihn sechshundert Dollar gekostet hatte und sich nicht mehr vom Fleck rührte – den Motor hatte irgendwer schon ausgebaut, bevor Benno so naiv gewesen war, das ehemals silbern glänzende, nun aber nur noch grau-rostige Exvehikel zu kaufen, so schief, wie es da auf einem platten und drei mit Restluft verschieden vollen Reifen stand.
    Er spielte viermal die Woche in der Hausband der Carson Lounge, eines leidlich frequentierten Countryschuppens, der auf Open-Stage-Abende spezialisiert war. Die Band begleitete Nachwuchstalente und hin und wieder einen hereingeschneiten Star, der sich überreden ließ, einen seiner Hits zu singen.
    Um diesen Job nicht auch noch zu verlieren, beherzigte Benno eine eiserne Regel: kein Drink vor zwölf. Er half sich mit Mineralwasser und kaltem Tee, bis der Barkeeper die letzte Bestellung ausrief, erst dann gab er sich den ersten, zweiten und dritten Bourbon und erst zu Hause in seinem Schrottmobil auf dem Trailerpark die Kante. Wenn er nicht gerade die Nacht mit einer Nachwuchssängerin verbrachte, was hin und wieder drin war, denn solange sie ihn nicht trinken sahen, fanden ihn die Frauen interessant.
    —
    Es war kurz vor halb elf, ein ganz normaler Abend, zur Hälfte schon überstanden, nach zwei leidlich talentierten Nobodys und einem Garth-Brooks-Klon, den man von der Bühne gepfiffen hatte, obwohl das Publikum an diesem Tag überwiegend aus Touristen mit Karohemden und Basecaps bestand, die normalerweise alles bejubeln, weil die Carson Lounge im Preis ihres Busausflugs inbegriffen ist. Aber Pseudogarth konnte weder singen, noch stand ihm die Arroganz, die er an den Tag legte, in irgendeiner Weise zu. Er selbst hielt sein Benehmen augenscheinlich für Humor, vielleicht sogar für Selbstironie, aber das Publikum wusste es besser und erkannte in ihm den Trottel, der

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