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Anarchy in the UKR

Anarchy in the UKR

Titel: Anarchy in the UKR
Autoren: Serhij Zhadan
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Teil Eins
    Wie schwarze Damenunterwäsche
     
     
1. Eisenbahnunfälle.
    Anfang August holte mich Ljoschka in Charkiw ab, und wir haben dann auf dem Bahnhof gleich zwei Fahrkarten für den Nachtzug genommen. Es fing an zu regnen, der Bahnhof war halb leer, der Asphalt auf den Bahnsteigen erwärmte sich den ganzen Tag nicht. Irgendwie haben wir die Zeit bis zum Abend totgeschlagen, die zwölf Stunden in der Stadt rumgebracht, dann offener Schlafwagen dritter Klasse und die tief hängenden Sterne über den Waggons wie Salz auf den Rücken der Fische. Den Zug kannte ich seit meiner Kindheit, mein erster Zug, die erste Eisenbahnerfahrung sozusagen, ich erinnere mich bis heute an die Pritschen, an die sowjetischen Bettlaken, naß wie eingeweichtes Papier, an die verqualmten Tamburen, schwarze, verschneite Felder zogen vorbei, eine Landschaft wie schwarze Damenunterwäsche, es war Vorfrühling, und ich fuhr dieselbe Strecke. Seither ist viel Zeit vergangen, die Schaffner sind alt geworden, mein guter alter »Sumy-Luhansk« zog Abend für Abend an den östlichen Grenzen entlang, manchmal zog ich mit ihm. Wenn es jemanden interessierte, könnte ich eine Menge erzählen über die Morphiumengel aus den Schlafwagenabteilen, die sich an den Bahnübergängen mit den frisch erbeuteten Geldsäckeln und Klunkern aus rotem Zigeunergold aus dem Staub machten, über die Knastis, die sich auf der Heimfahrt einen Schuß setzten und alle Mitreisenden mit gepanschtem polnischen Fusel abfüllten, über die Hilfsschaffner, die sich schon betrunken hatten, bevor wir überhaupt losfuhren, weshalb ich fürs Öffnen der Türen zuständig war, damit die nervösen Mitternachtspassagiere den Ausstieg in ihren namenlosen Bergarbeiterorten nicht verpaßten, kurz, wenn sich jemand für den Alltag und die heldenhafte Arbeit meiner Landsleute interessierte, würde ich natürlich Auskunft geben, aber lassen wir das.
    So vor zehn Jahren bin ich oft schwarzgefahren, ich mußte nur im Blick haben, wann im Nachbarwagen die Kontrolle kam, die Schaffner kontrollierten natürlich nie gleichzeitig, irgend jemand hinkte immer hinterher, und so brauchte man nur in den Nachbarwaggon zu gehen und dann zurückzukommen. Seitdem hat sich kaum etwas verändert, dasselbe Publikum, dieselben frustrierten Gesichter, derselbe Trott, so weit ich weiß, haben die Eisenbahner den höchsten Prozentsatz an Geschlechtskrankheiten, kein Wunder, bei dem, was die saufen.
    Zurück zu unserem guten alten »Sumy-Luhansk«, Fahrkarten bis Swatowe, Plätze in einem ätzenden offenen Schlafwagen, uns gegenüber ein Mädchen, das gleich ein Gespräch anfängt. Aber worüber kann man mit uns schon reden? Ich weiß schon lange, daß ich Schwachsinn fasele, und wenn mich jemand anspricht, find ich es dann selbst oberpeinlich, also höre ich lieber zu. Das Mädchen sah sportlich aus, das heißt, nein, Trainingsanzug, Muskeln oder so meine ich nicht, was konnte die schon für Muskeln haben! Hatte sie natürlich nicht, sie sah einfach sportlich aus, war echt sympathisch und absolut nicht auf unsere Gesprächsbeteiligung angewiesen, sie redete ohne Punkt und Komma, wir warfen nur ab und zu etwas ein und boten ihr ansonsten Wodka an. Es stellte sich heraus, daß sie an der Polizeihochschule studiert, um Polizistin zu werden, dort geht es zu wie in der Armee, die werden ordentlich geschliffen, mit Privatleben, das heißt Sex, ist da nicht viel, Schminken ist verboten. Ganz in Ordnung, das mit dem Schminken, fand ich, wenn die Polizisten auch noch anfangen sich zu schminken, ist ihr gesellschaftliches Ansehen, das ohnehin ramponierte, vollends im Arsch. Und das mit dem Sex will auch gut überlegt sein, durch Sex entstehen Kinder, und was sollen wir mit den ganzen Polizisten? Ich hing meinen Gedanken nach, sie war wirklich nett, und ich wollte sie nicht beleidigen, obwohl mir das mit dem Sex keine Ruhe ließ. Na ja, dachte ich, vielleicht mischen sie Brom ins Essen, damit die Polizisten in den Kasernen gut schlafen und die Exerzierübungen nicht stören; macht Brom eigentlich abhängig? Wahrscheinlich schon, sicher setzen sie die meisten dieser netten, unverdorbenen Studentinnen auf Brom, und das werden sie dann ihr Leben lang nicht los, sicher ist das für viele ein persönliches Drama, da kommt so ein Polizist vom Dienst nach Hause, läßt im Korridor seine frisch erbeuteten Skalps fallen, geht in die Küche, verspeist ein üppiges Abendbrot, guckt seine Talk-Show, putzt sich ordentlich die Zähne,
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