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An und für dich

An und für dich

Titel: An und für dich
Autoren: Ella Griffin
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wiederzukommen.
    Angeblich kann man nichts vermissen, das man gar nicht kennt, aber das stimmt nicht. Selbst als sie noch zu klein war, um es wirklich zu verstehen, hatte sich in Saffy immer etwas zusammengezogen, wenn sie einen Mann sah, der ein kleines Mädchen hochhob und auf seine Schultern setzte oder es an die Hand nahm, um die Straße zu überqueren.
    Als Teenager vermisste sie ihren Vater am meisten. Es waren die kleinen Dinge, die immer wieder wehtaten. Ein Rasierer, der bei jemand anderem zu Hause im Zahnputzbecher steckte. Ein Mann vor dem Schultor, der die Menge nach einem Gesicht absuchte, das nicht ihres war.
    Wenn sie wie unsichtbar auf dem Heimweg von der Disco auf dem Rücksitz saß, während ihre Freundin vorn mit ihrem Vater herumalberte. Dass der Vatertag für sie überhaupt keinen Sinn hatte.
    Sie wusste nicht, wo ihr Vater war oder warum er gegangen war. Und sie konnte auch nichts daran ändern, dass er nicht Teil ihres Leben sein wollte. Was sie jedoch durchaus ändern konnte, war ihr Name, und seitdem sie zwölf war, hatte niemand außer ihrer Mutter sie mehr Sadbh genannt.
    Die Menge verlief sich, und sie sah Jill am anderen Ende des Ladens stehen und ein Regal anstarren. Sie tat, als interessiere sie sich für die Nahtstrümpfe und Nippelhütchen, und einen Augenblick lang tat sie Saffy fast leid.
    Ihre Mutter hatte so viel getan. Sie hatte den Führerschein gemacht, Schreibmaschineschreiben gelernt und an ihrem englischen Akzent gearbeitet, damit er nicht mehr so auffiel. Sie hatte aus den Bruchbuden, in denen sie wohnten, ein Zuhause gemacht. Bis Saffy in die Schule kam, hatte sie Büros geputzt und Dissertationen abgetippt, während Nachbarn auf Saffy aufpassten, oder sie hatte sie einfach mit zur Arbeit genommen. Dann hatte sie stundenweise in einem Antiquitätenladen gearbeitet und alles über das Geschäft gelernt. Sie hatte so lange gespart, bis sie sich ein Haus kaufen konnte. Aber was immer sie auch erreicht hatte – ihr Leben war stets von Konjunktiven überschattet gewesen.
    Hätte sie sich doch nur nie in Rob Reilly verliebt. Hätte sie ihm doch nur nicht geglaubt, dass er sich um sie beide kümmern würde. Wäre sie doch nur vorsichtiger gewesen. Hätte sie es doch nur nicht drauf ankommen lassen. Alle diese Konjunktive, das wurde Saffy im Alter von vierzehn Jahren klar, ließen sich in einem einzigen Satz zusammenfassen: Wäre sie selbst doch nur nie geboren worden.
    Jill war fest entschlossen, Saffy all das zu ermöglichen, was sie selbst als alleinerziehende Mutter nicht gehabt hatte. College, Karriere, Reisen. Saffy hatte das bereits alles erledigt, und ihre Mutter wartete jetzt gespannt auf das Allerwichtigste.
    Da würde sie aber wohl weiter warten müssen. Ein Kind zu haben, bedeutete nämlich nicht, dass es die eigenen Wünsche umsetzen würde. So funktionierte das nicht.
    Marsh saß an dem riesigen Glastisch in ihrem Büro, las in einer Akte und ignorierte geflissentlich Simon, der ihr gegenübersaß und ihr in den Ausschnitt starrte, auf das Dreieck, das ihre nackte Haut und die weiße Spitzenborte ihres BH s bildeten und das dort aus ihrem weichen, perfekt geschnittenen, roten Nicole-Farhi-Jackett heraussah.
    Ihr Büro sah aus wie aus einem Einrichtungsmagazin. Hellgraues Samtsofa, darüber ein Glasregal, auf dem verschiedene Werbepreise aus Glas und Metall standen. Saffy fiel auf, dass die Rosen, die mittlerweile in einer riesigen grauen Vase standen, denselben Pantone-Farbton hatten wie Marshs Anzug.
    Sie sah Saffy an. »Du bist zu spät«, sagte sie. »Schon wieder.«
    Simon machte sich nicht mal die Mühe, sein Grinsen zu verbergen. Theoretisch hatten Saffy und er die gleiche Position in der Firma, sie waren beide Senior Account Executives. Aber wenn sie ehrlich war, sah sie nicht ein, wofür er überhaupt gebraucht wurde, und er dachte anscheinend, es gehöre zu seinem Aufgabenbereich, sie fertigzumachen.
    Dass Marsh immer mal wieder Bemerkungen fallen ließ, eines Tages würde sie einen von ihnen zum Managing Director befördern, machte das Ganze nicht gerade leichter. Ebenso wenig wie die Tatsache, dass sie die beiden gegeneinander ausspielte und sie zwang, um jedes bisschen Arbeit miteinander zu konkurrieren.
    Saffy war Simon haushoch überlegen, wenn es darum ging, Briefings zu schreiben. Er hingegen konnte toll reden, sah gut aus und war sportlich – und damit klar im Vorteil, wenn es darum ging, mit Kundinnen zu flirten oder sich von männlichen Kunden

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