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.Am Vorabend der Ewigkeit

.Am Vorabend der Ewigkeit

Titel: .Am Vorabend der Ewigkeit
Autoren: .Brian W. Aldiss
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1
     
    Im grünen Dämmerlicht spielten einige der Kinder. Sie liefen einen Ast entlang, und wenn sie sprachen, geschah das mit leiser Stimme, denn die Welt war voller Feinde. An der Grenze des Bereichs ihrer Gruppe hatte sich während der Schlafperiode Nesselmoos breit gemacht. Es bewegte sich vorsichtig, als die Kinder näher kamen.
    »Tötet es!« sagte Toy. Sie war die Anführerin der kleinen Gruppe und zehn Jahre alt. Seit ihrer Geburt hatte der Feigenbaum zehnmal Früchte getragen. Die anderen Kinder gehorchten ihr, sogar Gren. Sie zogen die Stöcke aus der Scheide – das hatten sie den Erwachsenen abgesehen – und schlugen auf das Nesselmoos los. Die Pflanze starb, als ihre giftigen Stachelspitzen zerquetscht wurden.
    In ihrer Aufregung wagte sich Clat zu weit vor und stürzte. Sie war das jüngste Mädchen der Gruppe, gerade erst fünf. Sie fiel mit den Händen genau in die giftigen Blätter, schrie auf und rollte zur Seite. Auch die anderen Kinder schrien, aber niemand eilte herbei, um ihr zu helfen.
    Clat kroch zurück und schrie erneut auf. Ihre Finger krallten sich in die rauhe Rinde des Astes, dann verlor sie den Halt und stürzte einige Meter tief, um zitternd auf einem großen Blatt liegen zu bleiben.
    »Lauf und hol Lily-Yo«, sagte Toy zu Gren. Der Knabe lief sofort los. Eine junge Tigerfliege stürzte sich auf ihn, aber er schlug sie einfach mit der Hand beiseite. Er war neun Jahre alt und für einen Knaben sehr tapfer, flink und stolz. Ohne Aufenthalt erreichte er die Hütte der Hauptfrau.
    Unter dem Ast hingen achtzehn große Hausnüsse. Sie waren ausgehöhlt und mit dem Saft der Acteoylenpflanze abgedichtet worden. Hier lebten die achtzehn Mitglieder der Gruppe, jeder in seiner Nuß. Die Hauptfrau, ihre fünf Frauen, ihr gemeinsamer Mann und die elf überlebenden Kinder.
    Als sie Grens Rufen hörte, eilte Lily-Yo aus ihrer Hütte. An einem Seil kletterte sie hoch auf den Ast, wo der Knabe stand.
    »Clat ist gefallen«, sagte Gren.
    Lily-Yo schlug mit ihrem Stock gegen die nächsten Zweige und lief dann vor. Ihr Signal hatte die anderen sechs Erwachsenen alarmiert. Alle nahmen sie ihre Waffen und rannten hinter ihr her – die Frauen Flor, Daphe, Hy, Ivin und Jury. Der Mann Haris kam zuletzt.
    Lily-Yo stieß einen schrillen Pfiff aus. Sofort senkte sich aus dem dichten Laubwerk ein Taumler auf ihre Schulter herab. Er rotierte und kontrollierte seine Richtung durch die Speichen des goldenen Schirmes. Geschickt paßte er sich den Bewegungen der Frau an.
    Alle sammelten sich um Lily-Yo, als sie nach unten blickte, wo Clat immer noch auf dem Blatt lag.
    »Still liegen bleiben, nicht bewegen, Clat!« befahl sie. »Ich werde dich holen.«
    Clat sah voller Hoffnung zu ihr auf.
    Lily-Yo setzte sich rittlings in das hakenförmige Stengelende des Taumlers. Sie pfiff dabei leise. Sie war die einzige in der Gruppe, die mit einem Taumler umgehen konnte und der sie gehorchten. Die Taumler waren die halblebendigen Früchte der Pfeifdistel. Die Spitzen ihrer gefederten Speichen trugen seltsam geformte Samensporen. Sie spürten auch den leisesten Hauch einer Brise auf, der ihnen bei der Fortpflanzung half, und nach vielen Jahren der Praxis verstanden es die Menschen, diese Fähigkeit auch für sich auszunützen, so wie Lily-Yo es nun tat.
    Der Taumler trug sie hinab zu dem hilflosen Mädchen. Es sah nach oben, als sich plötzlich die grünen Fänge eines Fallenschnappers um sie und das Blatt schlossen. Das Ungeheuer hatte unter dem Blatt gehockt und die nahe Beute gewittert. Der Fallenschnapper sah aus wie ein schuppiger Kasten mit einem quadratischen Maul und vielen, langen Zähnen. Von einem Ende aus wuchs ein kräftiger Stiel, dicker als ein Mensch und viel länger.
    »Springen, Clat!« schrie Lily-Yo.
    Das Kind versuchte sich aufzurichten, aber schon schlossen sich die grünen Zähne um ihre Handgelenke. Der Stengel des Fallenschnappers trug seine Beute fort, hinab in die Tiefe des unsichtbaren Waldbodens, wo der richtige Mund der fleischfressenden Pflanze gierig wartete.
    Lily-Yo pfiff und dirigierte den Taumler auf den heimatlichen Ast zurück. Sie konnte nichts mehr für Clat tun. So war das nun einmal.
    Der Rest der Gruppe war schon auf dem Heimweg. Es war angesichts der unzähligen Feinde zu gefährlich, zusammen an einer Stelle zu stehen. Außerdem war Clat nicht der erste Verlust, den sie erlebten.
    Lily-Yos Gruppe hatte ursprünglich aus sieben Unterfrauen und zwei Männern bestanden. Zwei der Frauen

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