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Als Mrs Simpson den König stahl

Als Mrs Simpson den König stahl

Titel: Als Mrs Simpson den König stahl
Autoren: Juliet Nicolson
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1
    An einem düsteren Februarnachmittag des Jahres 1936 saß eine neunzehn Jahre alte Frau am Steuer eines dunkelblauen Rolls-Royce. Die zierliche May Thomas bediente das Steuerrad aus Mahagoni mit überraschender Leichtigkeit und parkte den Wagen vor dem Eingangsportal eines prächtigen Landsitzes, auf dem sich ein Mann mittleren Alters mit seiner verheirateten Geliebten aufhielt.
    Die Fahrt von London nach Sunningdale hatte etwa eine Stunde gedauert. Kurz bevor sie die Stadt erreichten, war May am Windsor Great Park entlanggefahren und dann in eine nicht gekennzeichnete Einfahrt abgebogen. Sie genoss das ungewohnte Gefühl eleganter Autorität, das ihr die neue Chauffeurslivree verlieh – die marineblaue Hose, das Jackett und die farblich abgestimmte Mütze mit einem Schirm aus glänzendem Kunstleder. May lenkte den Wagen durch ein breites, blendend weiß gestrichenes Tor und fuhr ihn langsam eine Allee aus wuchtigen Eichen und dichten Rhododendronbüschen hinauf. Das Unterholz schien umfassend gerodet worden zu sein. Doch an einigen Stellen war das Gewirr der oberen Zweige so dicht, dass es den Schnee wie ein Baldachin daran hinderte, herabzufallen und sich auf die schwermütige Landschaft zu legen.
    Hinter einer Biegung tauchte plötzlich, angestrahlt von unzähligen, raffiniert verborgenen Scheinwerfern, ein sandfarbenes Haus auf – obwohl man es beim besten Willen nicht so nennen konnte. Bei dem Anblick überkam May ein Gefühl der Erleichterung, dass sie ihren Fahrgast nur abzusetzen brauchte und nicht über Nacht bleiben musste. Die Zinnen, die den hoch aufragenden Turm und die anderen Gebäudeteile säumten, straften das Wort Haus Lügen; und doch verwehrte die geringe Größe der Anlage ihr den Status eines Schlosses. May fühlte sich unmittelbar an ein Bild aus einem der alten Cowboy
bücher ihres Bruders Sam erinnert, das ein mit Türmchen versehenes Fort zeigte, aus dem ein Indianer samt Pfeil und Bogen sprang.
    Vor der Eingangstür stand eine Frau. In ihrem eng anliegenden und straff gegürteten schwarzen Kleid mit den langen Ärmeln und dem weißen Kragen erinnerte sie ein wenig an eine Krankenschwester oder Hausmutter. Als May den Rolls-Royce langsam vor ihr zum Stehen brachte, trat die Frau vor und öffnete die Wagentür.
    »Evangeline, meine Liebe!«, sagte sie mit einem harten Akzent, der so klang, als würden in einer Hosentasche Münzen gegeneinanderschlagen. »Du hast ja keine Ahnung, wie sehr ich mich freue, dich zu sehen!«
    Mays Fahrgast hatte Mühe auszusteigen. Miss Evangeline Nettlefold war zwischen Rück- und Beifahrersitz eingekeilt, und je mehr sie sich abmühte, desto aussichtsloser steckte sie fest. Wiggle, ein kleiner Pekinese, der während der Fahrt auf dem Schoß seines Frauchens gesessen hatte, schien vor Aufregung einen Asthmaanfall zu erleiden. Als May zur anderen Seite des Wagens eilte, um ihren Fahrgast zu befreien, sah sie, dass der Hund auf Miss Nettlefolds grauen Wollrock gesabbert und auf dem Sitz einen schwarzen Fleck hinterlassen hatte.
    Nach einigem hilflosen Gezerre und Geraufe zwischen May, Miss Nettlefold und dem Hund, der inzwischen Schaum vor dem Maul hatte, wurde die große Frau plötzlich ins Freie katapultiert.
    »Ach, Wallis, du kennst mich doch! Zu viele köstliche englische Kekse!«, entschuldigte sie sich mit überraschend unaufgeregter und warmherziger Stimme. Ihre rundlichen Wangen sahen aus wie rosafarbene Wunderkugeln . »Es ist himmlisch, endlich hier zu sein.«
    Ein Windstoß ließ ihren Pelzmantel aufflattern, als sie May zuwinkte und sich zum Eingangsportal umwandte. Die beiden Frauen waren sofort in ein Gespräch vertieft und warfen einen
kurzen Blick in Mays Richtung, bevor sie im Inneren des Hauses verschwanden. Miss Nettlefold hatte sich fest bei ihrer Gastgeberin untergehakt, einer Frau mit unnatürlich breitem Lächeln, einem puppenähnlichen Körper, hohen Schultern und riesigem Kopf. Sie erinnerte May an jemanden, es gelang ihr jedoch nicht, einzuordnen, an wen. Sie atmete ein paar Mal tief ein und ließ die kalte Winterluft in ihre Lungen strömen. Dann kehrte May zum Wagen zurück, setzte ihre Mütze ab und schüttelte ihr Haar. Sie wollte eben wieder ihren Platz am Steuer einnehmen, als sie das flache Päckchen auf dem Vordersitz bemerkte. Das braune Packpapier war mit dem Logo eines Kaufhauses bedruckt, das ein scharf umrissenes vierblättriges Kleeblatt und die Lettern H und K zeigte.
    »Das habe ich aus Baltimore mitgebracht«,

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