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Alex Rider 08: Crocodile Tears

Alex Rider 08: Crocodile Tears

Titel: Alex Rider 08: Crocodile Tears
Autoren: Anthony Horowitz
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Feuerstern
    R avi Chandra würde bald ein reicher Mann sein.
    Schon der Gedanke machte ihn schwindlig. Er würde in den nächsten Stunden mehr verdienen als in den vergangenen zwanzig Jahren, eine unvorstellbare Summe, bar auf die Hand. Es war der Beginn eines neuen Lebens. Er würde seiner Frau die Kleider kaufen, die sie sich wünschte, außerdem ein Auto und einen richtigen Diamantring statt des dünnen Reifs, den sie seit der Hochzeit trug. Mit seinen beiden kleinen Söhnen wollte er Disneyland in Florida besuchen. Und er wollte nach London fliegen, um sich ein Spiel der indischen Kricketmannschaft im Lord’s Stadium anzusehen – diesen Traum träumte er schon sein ganzes Leben, aber er hatte ihn immer für unerfüllbar gehalten.
    Bis jetzt.
    Bewegungslos saß er am Fenster des Busses, der ihn tagtäglich zur Arbeit brachte. Die Hitze war mörderisch. Die Lüftung war wieder einmal kaputt und die Firma hatte natürlich keinerlei Eile, sie zu reparieren. Schlimmer noch, es war Ende Mai. In Südindien hieß diese Jahreszeit Agni Nakshatram, Feuerstern. Die Sonne kannte kein Erbarmen. Man bekam keine Luft. Die feuchte Hitze klebte von morgens bis abends an einem dran und die ganze Stadt stank.
    Wenn er das Geld endlich hatte, wollte er umziehen. Er würde die enge Zweizimmerwohnung in Perambur, dem lautesten und vollsten Stadtteil, verlassen und sich ein ruhigeres, kühleres Apartment mit mehr Platz suchen. Er würde einen mit Bier gefüllten Kühlschrank haben und einen großen Plasmafernseher. Seine Wünsche waren bescheiden.
    Der Bus wurde langsamer. Ravi war die Strecke schon so oft gefahren, dass er sogar mit geschlossenen Augen wusste, wo sie sich befanden. Sie hatten die Stadt verlassen. In der Ferne ragten steile, mit üppig grüner Vegetation bedeckte Berge auf. Aber die Gegend, durch die sie fuhren, erinnerte mehr an eine Wüste. Auf dem steinigen Boden wuchsen nur ein paar Palmen und überall standen Strommasten. Gleich würden sie am ersten Sicherheitstor anhalten.
    Ravi war Mechaniker. Auf seinem Werksausweis mit Foto und vollem Namen – Ravindra Manpreet Chandra – stand Kernkraftwerkstechniker . Er arbeitete im Atomkraftwerk Jowada wenige Kilometer nördlich von Chennai, Indiens viertgrößter Stadt, dem früheren Madras.
    Er hob den Kopf und sah das Kraftwerk vor sich, eine Reihe großer bunter Würfel innerhalb eines kilometerlangen Sicherheitszauns aus Draht. Draht schien überhaupt der wichtigste Bestandteil der ganzen Anlage zu sein. Es gab Widerhakensperrdraht und Stacheldraht, Zäune aus Draht und den Draht der Telefonleitungen. Der Strom, den das Kraftwerk produzierte, wurde über weitere Tausende Kilometer Draht in ganz Indien verteilt. Es war schon eine seltsame Vorstellung, dass der Strom für den Fernseher in Puducherry oder für die Nachttischlampe in Nellore von hier kam.
    Der Bus hielt am Eingangstor, das durch Kameras und bewaffnetes Personal gesichert wurde. Nach den Anschlägen vom elften September in New York City und Washington D . C. war auf der ganzen Welt die Angst gewachsen, auch Kernkraftwerke könnten zu Zielen der Terroristen werden. Man hatte zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen getroffen und das Wachpersonal aufgestockt. Lange Zeit war das alles furchtbar lästig gewesen. Man brauchte nur zu niesen und schon wurde man fast verhaftet. Doch die Wachsamkeit hatte nachgelassen. Zum Beispiel beim alten Suresh, dem Wachmann am äußeren Tor. Er kannte alle Passagiere im Bus. Schließlich sah er sie täglich um dieselbe Zeit – um halb acht, wenn sie kamen, und um halb sechs, wenn sie wieder abfuhren. Manchmal begegnete er ihnen auch beim Einkaufen in der Rannganatha Street. Sogar ihre Frauen und Freundinnen kannte er. Nie wäre es ihm in den Sinn gekommen, sie nach ihren Ausweisen zu fragen oder den Inhalt ihrer Taschen zu überprüfen. Er winkte den Bus durch.
    Zwei Minuten später stieg Ravi aus. Er war klein und mager, hatte Pickel im Gesicht und einen Schnurrbart, der ihm ein wenig schief an der Oberlippe hing. Er trug bereits seinen Monteursanzug und die Sicherheitsschuhe mit Stahlkappen. In der Hand hielt er einen schweren Werkzeugkasten. Niemand fragte, warum er ihn mit nach Hause genommen hatte. Vielleicht hatte er ja etwas in seiner Wohnung reparieren müssen. Oder er hatte unter der Hand einige Arbeiten für Nachbarn erledigt, um sich ein paar Rupien dazuzuverdienen. Ravi hatte immer irgendwelches Werkzeug dabei. Der Kasten war geradezu ein Teil von ihm, wie ein

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