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Äon - Roman

Titel: Äon - Roman
Autoren: Heyne
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zertrümmert hatte, eine lange Gliedmaße durch den Riss in der Membran streckte.
    Weitere Schüsse peitschten durch die Höhle, gefolgt von einem längeren Rattern. Sebastian legte sich halb auf Raffaele, um ihn mit seinem Körper zu schützen. Kugeln trafen Felsen, jaulten als Querschläger davon, bohrten sich in Kevlar-Westen und in von Nephilim übernommene Menschenkörper. Stimmen heulten, und es dauerte einige Sekunden, bis Sebastian begriff, dass eine von ihnen ihm selbst gehörte - er klappte den Mund zu und biss die Zähne zusammen, damit kein Laut mehr über seine Lippen kam. Eine Kugel schlug dicht neben ihm in den steinigen Boden, und instinktiv kniff er die Augen zu. Als er sie wieder öffnete, kroch Anna neun oder zehn Meter entfernt halb hinter einem Felsen hervor, einen goldenen
Gegenstand in der einen Hand: das Medaillon, das Yvonne weggeworfen hatte. Sebastian wollte ihr eine Warnung zurufen, sie auffordern, wieder in Deckung zu gehen, aber plötzlich stieg eins von Ignazio Giorgesis Erinnerungsbildern in ihm hoch: das Medaillon auf einem Bildschirm, ein Werk des Goldschmieds Esebian, der zu den Sapienti gehört hatte.
    Sebastian hob die Hand, und Anna verstand sofort, holte aus und warf das Medaillon.
    Er fing es und duckte sich wieder, sah zur Barriere und stellte fest, dass das Hornissenwesen bereits halb durch den Riss in der Membran geklettert war, den Simon Krystek zu erweitern versuchte - mit beiden Händen zerrte er daran. Die anderen Nephilim hatten sich den Bewaffneten zugewandt, die weiterhin auf sie schossen, mit ihren Kugeln aber kaum etwas ausrichteten, denn das von ihnen zerfetzte Fleisch wuchs sofort wieder zusammen. Die Gestalten in den Kampfanzügen sanken zu Boden, eine nach der anderen, von den mentalen Kräften der Nephilim überwältigt.
    Raffaeles Finger fanden das Medaillon in Sebastians Hand. »Es lässt sich nicht aufklappen«, krächzte er. »Ich habe es mehrmals versucht.«
    Sebastian öffnete die Hand …
     
    … und die dünnen Finger des Knaben tasten über den Deckel - der plötzlich aufspringt. Darunter befindet sich … nichts, eine spezielle Leere, die gefüllt werden will. Sie saugt das Licht der nahen Säulen an, und als sie dunkler werden, trübt sich der Bereich zwischen ihnen, und der graue Vorhang der Membran wächst wieder zusammen. Das halb hindurchgekrochene Hornissenwesen wird von der neuen Barriere in zwei Teile zerschnitten - es heult und zuckt und stirbt in beiden Welten. Dahinter
steht die Nephilim Yvonne, von ihren Gefährten getrennt und ohne eine Möglichkeit der Rückkehr.
    Das letzte Licht der Säulen verschwindet, aufgesaugt vom Medaillon in Sebastians Hand, aber damit gibt sich das hungrige Nichts unter dem Deckel noch nicht zufrieden. Ganz deutlich spürt Sebastian, wie ein Sog davon ausgeht, der einen Teil von ihm betrifft, die fremde Kreatur, die sich in ihm eingenistet hat. Simon Krystek taumelt von der neuen Barriere zurück, das Gesicht eine schmerzverzerrte Fratze, und er schreit wie die anderen Nephilim. Sie alle schreien, aber diesmal sind ihre Schreie nur noch Ausdruck ihrer Enttäuschung und ihres Zorns …
     
    Der Nephilim verließ Sebastian, doch es war kein angenehmer Vorgang, und das Gefühl von Befreiung blieb aus. Etwas schien ihn umzustülpen, das Innere nach außen zu kehren, und es folgte eine Phase völliger Orientierungslosigkeit, von der er nicht wusste, wie lange sie dauerte. Seine Gedanken, konfus und zunächst ohne Zusammenhang, trieben durch das konturlose Grau einer mentalen Welt, die plötzlich viel größer war als vorher. Die leeren Bereiche darin wollten ebenso gefüllt werden wie das Nichts im Medaillon. Bilder entstanden dort, zeigten auch Szenen, die aus fremden Erinnerungen stammten. In einer davon fragte der Papst: »Glauben Sie an Gott, Ignazio?«
     
    »Jetzt verstehe ich, warum Sie mich gefragt haben, ob ich an Gott glaube. Keine Wahrheit ohne Lüge … Haben Sie dies damit gemeint, Heiliger Vater?«, fragt Ignazio und deutet auf die betreffende Stelle im Brief des Hieronymus. Er weiß nicht, was ihn mehr erschreckt: die Rückkehr der Sechs oder diese Enthüllungen.
    Der Papst greift in ein Regal des kleinen Lesezimmers und zieht ein
Buch daraus hervor, eine Bibel aus dem neunzehnten Jahrhundert. Er schlägt sie auf und blättert darin; Papier knistert leise. »Sie haben von Widersprüchen in den Evangelien gesprochen und gefragt, wer entscheidet, was korrekt ist und was nicht, Ignazio. Hieronymus hat

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