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Adiós Hemingway

Adiós Hemingway

Titel: Adiós Hemingway
Autoren: Leonardo Padura
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Unergründlichem, vielleicht war es gar ein Fingerzeig auf eine in ihm wohnende Sehnsucht, auf eine Zukunft, die sich der Junge nicht einmal vorzustellen vermochte.
    Als der Mann mit dem weißen Bart die Steinstufen zur Uferpromenade hinaufging, sah Mario, wie er die Mütze abnahm und sie sich unter den Arm klemmte. Er zog einen kleinen Plastikkamm aus der Brusttasche und fing an, sich die Haare nach hinten zu kämmen, immer und immer wieder, als wäre es mit einem einzigen Mal nicht getan. Der Mann ging so nahe an ihnen vorbei, dass sein Geruch den Jungen streifte, eine Mischung aus Schweiß und Meer, Motorenöl und Fisch. Ein penetranter, ordinärer Körpergeruch.
    »Das sieht gar nicht gut aus«, sagte der Großvater, und Mario wusste nicht und würde nie erfahren, ob sich die Bemerkung auf den Mann mit dem Bart oder aufs Wetter bezog. Denn an diesem Punkt seiner Erinnerung vermischten sich Erinnertes und später Gehörtes, der vorübergehende Mann und das ferne Grollen eines Donners.
    Und deshalb pflegte El Conde die Rekonstruktion seiner einzigen Begegnung mit Ernest Hemingway hier abzubrechen.
    »Das ist Cheminguey, der amerikanische Schriftsteller«, klärte der Großvater seinen Enkel auf, als der Mann außer Hörweite war. »Der hat auch Spaß an Hahnenkämpfen, weißt du …«
    El Conde meinte sich zu erinnern, dass er diesen Satz gehört und gleichzeitig beobachtet hatte, wie der Schriftsteller in einen chromblitzenden schwarzen Chrysler stieg, der auf der anderen Straßenseite stand. Und durch das Autofenster winkte er, ohne die Brille mit den grünen Gläsern abzusetzen, genau in Marios Richtung, wie zum Abschied. Aber vielleicht zielte die Geste auch am Jungen vorbei, weiter bis zum Landungssteg mit der Jacht und dem sonnenverbrannten Mann, den er eben umarmt hatte, oder bis zu dem alten spanischen Wehrturm, dem Torreón, der dem Lauf der Jahrhunderte trotzte, oder vielleicht sogar bis zum fernen Golfstrom … Der Junge aber hatte den Gruß aufgeschnappt, und bevor der Wagen sich in Bewegung setzte, winkte er zurück und rief: »Adiós Cheminguey!«, und zur Antwort erhielt er das Lächeln des Mannes.
    Etliche Jahre später, als Mario Conde das schmerzhafte Bedürfnis zu schreiben verspürte und nach literarischen Idolen Ausschau zu halten begann, erfuhr er, dass dies Hemingways letzte Fahrt über ein Stück Meer gewesen war, das er geliebt hatte wie kaum einen Ort auf der Welt. Da begriff er: Der amerikanische Schriftsteller hatte sich damals gewiss nicht von ihm, einem winzigen Insekt auf der Uferpromenade von Cojimar, verabschiedet, sondern in jenem Augenblick weit wichtigeren Dingen seines Lebens Lebewohl gesagt.
    »Noch einen?«, fragte Manolo.
    »Klar«, antwortete El Conde.
    »Doppelt oder normal?«
    »Wofür hältst du mich?«
    »Hey, Pfeife, zwei doppelte Rum«, rief Teniente Palacios mit hochgerecktem Arm dem Mann hinter der Theke zu, der sich sogleich daranmachte, die Gläser zu füllen, ohne seine Pfeife aus dem Mund zu nehmen.
    Das ›Torreón‹ war keine saubere und schon gar keine gut beleuchtete Bar. Doch hier gab es Rum, Stille und nur wenige Betrunkene. Vom Tisch aus konnte El Conde aufs Meer schauen und auf die verwitterten Steine des Wehrturms aus der Kolonialzeit, dem die Bar ihren bombastischen Namen verdankte.
    Der Mann, Pfeife im Mund, kam gemächlich an ihren Tisch, stellte die randvollen Gläser vor sie hin, klemmte sich die leeren zwischen die Finger mit den schmutzigen Nägeln und sah Manolo drohend an.
    »’ne Pfeife ist höchstens deine Mutter«, sagte er langsam. »Und so was soll ’n Bulle sein …«
    »Komm, reg dich ab, Mann«, versuchte Manolo ihn zu beruhigen, »war doch nur ’n Scherz, Pfeife.«
    Der Barmann setzte sein unfreundlichstes Gesicht auf und schlurfte von dannen. Schon Mario hatte er böse angeblitzt, als dieser ihn gefragt hatte, ob er einen »Papa Hemingway« haben könne, jenen Daiquiri, den der Schriftsteller immer getrunken hatte: einen doppelten Rum, Limonensaft, ein paar Spritzer Maraschino, viel zerstoßenes Eis und kein bisschen Zucker. »Als ich das letzte Mal Eis zu Gesicht gekriegt hab, da war ich noch Pinguin«, hatte der Barmann entgegnet.
    »Und woher wusstest du, dass ich hier bin?«, fragte El Conde seinen ehemaligen Kollegen, nachdem er einen kräftigen Schluck getrunken hatte.
    »Dafür bin ich schließlich Polizist, oder?«
    »Klau nicht meine Sprüche, du!«
    »Du brauchst sie ja nicht mehr, Conde … wo du doch jetzt kein Polizist

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