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Adiós Hemingway

Adiós Hemingway

Titel: Adiós Hemingway
Autoren: Leonardo Padura
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Vorbemerkung
    Im Herbst 1989, während ein Hurrikan Havanna verwüstete, löste der Teniente Mario Conde seinen letzten Fall als Ermittler der Kripozentrale. Danach reichte er seinen Abschied ein und beschloss, Schriftsteller zu werden. Das war an seinem sechsunddreißigsten Geburtstag. Von jenem letzten Abenteuer als Polizist erzählt der Roman Das Meer der Illusionen. Er schließt den Zyklus des »Havanna-Quartetts« ab, zu dem auch Ein perfektes Leben, Handel der Gefühle und Labyrinth der Masken gehören.
    Ich war entschlossen, Mario Conde für eine Zeit lang sich selbst zu überlassen, und begann einen Roman zu schreiben, in dem der Teniente nicht auftauchte. Mitten in dieser Arbeit baten mich meine brasilianischen Verleger, eine Erzählung für ihre Serie Literatur oder Tod zuschreiben, bei der jeweils ein Schriftsteller im Mittelpunkt stand. Ich brauchte nicht lange, um mich für das Projekt zu begeistern. Und sogleich kam mir jener Schriftsteller in den Sinn, mit dem mich über Jahre hinweg eine heftige Hassliebe verbunden hatte: Ernest Hemingway. Ich suchte einen Weg, meine persönlichen Probleme mit dem Autor von Fiesta zu verarbeiten, doch mir fiel dabei nichts Besseres ein, als meine Obsessionen auf Mario Conde zu übertragen – so wie ich es schon oft getan hatte – und ihn wieder zur Hauptfigur zu machen.
    Das Resultat der Beziehung zwischen dem Schriftsteller und Mario Conde ist der Roman Adiós Hemingway. Ja, dies ist ein Roman, und er muss als solcher gelesen werden. Viele der hier erzählten Begebenheiten gehören, auch wenn sie im Einklang mit den Tatsachen stehen, ins Reich der Fiktion und sind derart mit Erdachtem verwoben, dass ich heute nicht mehr zu sagen vermag, wo die Wahrheit endet und die Dichtung beginnt. Dennoch wurden einige der Personen umgetauft, um auf mögliche Empfindlichkeiten Rücksicht zu nehmen; andere dagegen haben ihren Namen behalten.
    Zuletzt möchte ich mich bei all denen bedanken, die mich unterstützt haben. Zunächst bei Francisco Echevarría, Danilo Arrate, María Caridad Valdés Fernández und Belkis Cedeño, allesamt Mitglieder der Vereinigung kubanischer Hemingwayaner und Sachverständige des Museums Finca Vigía. Und natürlich auch bei meinen unentbehrlichen Lesern Alex Fleites, José Antonio Michelena, Vivian Lechuga, Stephen Clark, Elizardo Martínez sowie dem wirklichen, realen John Kirk.
    Dieser Roman ist, wie die vorangegangenen und wohl auch alle, die noch folgen werden, Lucía gewidmet, mit Liebe und Untergründigkeit.
     
    Leonardo Padura
    Mantilla, Winter 2001
     

 
     
     
    Die Toten hatten nicht immer heißes Wetter:
    Sehr oft war es der Regen, der sie reinwusch, wenn sie in ihm lagen, und der die Erde, nachdem
    man sie darin begraben hatte, aufweichte
    und der dann manchmal anhielt, bis die Erde
    zu Schlamm wurde und sie herauswusch und
    man sie von neuem begraben musste.
     
    Ernest Hemingway,
      » Eine Naturgeschichte der Toten «
     

 
     
     
    E r spuckte, stieß den restlichen Rauch aus, der sich in seiner Lunge angesammelt hatte, und schnippte die winzige Zigarettenkippe ins Wasser. Das Brennen, das er auf der Haut spürte, hatte ihn in die Wirklichkeit zurückgeholt. Und jetzt, wieder von dieser Welt, kam er ins Grübeln. Wie kam es, dass er hier am Meer stand, bereit, eine Reise in die Vergangenheit anzutreten, deren Ausgang ungewiss war? Ihm wurde schlagartig klar: Auf viele der Fragen, die er sich von nun an stellen würde, gab es keine Antwort. Doch es beruhigte ihn der Gedanke, dass das auch für die zahllosen anderen Fragen galt, die er auf dem weiten, langen Weg seines Lebens mit sich herumgeschleppt hatte, bis er schließlich zur Überzeugung gelangt war, es sei besser, sich mit der brutalen Wahrheit abzufinden: Er musste es akzeptieren, mit mehr Fragezeichen als Gewissheiten zu leben. Vielleicht bin ich deshalb kein Polizist mehr, dachte er und schob sich die nächste Zigarette zwischen die Lippen.
    Die angenehm sanfte Brise, die von der kleinen Bucht herüberwehte, wirkte in der Sommerhitze wie eine Wohltat. Doch Mario Conde stand an diesem kurzen, von uralten Kasuarinen beschatteten Abschnitt der Uferpromenade aus Motiven, die nichts mit Sonne und Hitze zu tun hatten. Er saß auf der Kaimauer, ließ die Beine über der Uferstraße baumeln und genoss das Gefühl, der Tyrannei der Zeit entronnen zu sein. Er hätte den Rest seines Lebens an diesem Ort verbringen, aufs friedliche Meer hinausschauen, sich den Erinnerungen

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