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Abgekanzelt: Ein Büro-Roman (German Edition)

Abgekanzelt: Ein Büro-Roman (German Edition)

Titel: Abgekanzelt: Ein Büro-Roman (German Edition)
Autoren: Federico Baccomo
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Prolog
    »Andrea.«
    »Was ist?«
    »Ein Mädchen schaut dich an.«
    »Okay.«
    »Ein Mädchen. Es schaut dich an.«
    »Ich hab’s gehört.«
    »Geh schon.«
    »Wohin?«
    »Wie wohin? Geh. Sie schaut dich an.«
    »Giovannino. Ich hab’s kapiert.«
    »Sie schaut dich an. Los. Geh.«
    »Giovannino. Hör auf damit.«
    »Aber sie schaut dich an. Geh hin.«
    Ohne mich umzudrehen, lasse ich eine Faust in seine Richtung schnellen. Giovannino weicht aus, wiegt sich rhythmisch in den Hüften und fotografiert mich noch rasch mit seinem Handy, bevor er verschwindet.
    Ich bleibe allein zurück und blicke mich um.
    Es wird langsam heiß, das Wohnzimmer füllt sich ebenso schnell mit Menschen, wie das Buffet sich leert, die Musik wird lauter, die Ersten binden sich ihre Krawatte um die Stirn, vereinzelte Stimmen verlangen nach mehr Alkohol , ein Glas fällt zu Boden, irgendjemand schreit Stimmung , ein anderer Mist, ausgerechnet auf meine neuen Schuhe , die Mädchen wiegen sich in den Hüften, man trifft sich, man grüßt sich, man stellt sich vor , Das ist Franco! – Wir kennen uns schon. Journalist, nicht wahr? – Nein, Dermatologe . Ich krame in meiner Hosentasche nach einem Aspirin.
    »Könnten Sie mir bitte etwas Wasser einschenken?«, frage ich einen Typen in Livree.
    »Ich hab nur Martini, geht das auch?«
    Mit dem Fest weiht Luigi – einer von den wichtigeren Kollegen – seine neue Mietwohnung im Zentrum von Mailand ein (»Natürlich ist das etwas teurer, aber das war es mir wert.«). Jetzt kommt so richtig Stimmung auf. Obwohl ich zunächst nicht begeistert war, hatte ich mich von Giovannino breitschlagen lassen, zu dieser Party zu gehen. Er hatte seinen einzigen Trumpf ausgespielt.
    »Andrea, die Frauen.«
    »Was heißt, die Frauen?«
    »Da sind Frauen.«
    Ziellos irre ich durch die weitläufige Wohnung. In jeder Ecke stehen Bang-&-Olufsen-Boxen, Tabletts mit getrockneten Früchten, Designerlampen, Kakteen, Autozeitschriften und Silberschälchen mit Pralinen aus Bitterschokolade. An den Wänden hängen Schwarzweißfotografien von New York. (»Alles Originale, von einem polnischen Fotografen, der den Nazis entwischt ist. Mittlerweile ist er an Aids gestorben. Hat mich ein Vermögen gekostet, aber das war es mir wert.«)
    Zwischen den Dutzenden von Unbekannten, die an mir vorüberziehen, erkenne ich die aufgesetzt fröhlichen Gesichter der Kollegen, die ich täglich im Büro sehe. Sie tragen lässige Kleidung, grinsen in die Runde, wie ich es sonst nicht von ihnen kenne, und scheinen sagen zu wollen: Schaut her. Exklusiv für euch endlich mein wahres Ich, sympathisch und geheimnisvoll, brillant und ein wenig durchtrieben, et voilà . Sie wedeln mit Visitenkarten, rasten zum Gesang von Ricky Martin aus, schwitzen.
    Mit schmerzhaft pochenden Schläfen begebe ich mich zu dem, was vom Buffet übrig ist, und werde sofort von einem Grüppchen Anwälte aus der Provinz Verona umzingelt. Der Alkoholpegel steigt und mit ihm die Euphorie, die Gespräche überschlagen sich.
    »Natürlich ist der Aperitif bei uns zu Hause im Vergleich zu hier mickrig. In Mailand gibt es sogar Tandoori Chicken.«
    »Da schimpf noch mal jemand auf die Kirche. Galileo haben sie am Ende doch nicht verbrannt. Und das sage ich als Atheist.«
    »Wie lautet der Plural von Kaktus? Kaktusse ?« – »Ich glaube, Kakta . Das ist Latein.«
    »Stell dir vor, der erzählt allen, dass er aus Urbino kommt. Dabei stammt er aus Terni.«
    »Lass es dir gesagt sein, hinter dem elften September stecken verschiedene Organisationen.« – »Staatliche oder geheime?« – »Beides natürlich.«
    »Morgen stehe ich früh auf. Ich geh joggen, um in Form zu kommen. Du ahnst gar nicht, wie viele heiße Mädels morgens laufen gehen.«
    »So sind die Amerikaner halt. Ich kenne die, ich war als Kind zwei Wochen in Maine.«
    »Schön, dieses Polohemd. Wie viel hast du dafür hingelegt? Ich will gar nicht den genauen Preis wissen, nur so einen Richtwert.«
    »Ich habe Diabetes, bin meinen Eltern aber trotzdem dankbar dafür, wie sie mich aufgezogen haben.«
    »Vielleicht habt ihr es noch nicht gemerkt, aber der Kapitalismus ist tot.«
    Ich nehme eine Minipizza mit Paprika, schiebe mich durch die Menge und mache mich wieder auf die Suche nach Giovannino. Als ich ihn entdecke, steuert er soeben auf ein Grüppchen Frauen zu, zwei Schritte vorwärts, einen zurück. Ich stoße in dem Moment dazu, als er der Frau rechts von sich die Hand hinstreckt.
    »Giovanni Barilla.«
    »Silvia

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