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73 - Der Dukatenhof

73 - Der Dukatenhof

Titel: 73 - Der Dukatenhof
Autoren: Karl May
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Sonnenscheinchen
    Der Herr Major fuhr durch das Dorf. Die Frau Major saß neben ihm. Und auch das ‚Majörle‘ war dabei, das kleine.
    Man kannte den Herrn Major im ganzen Ort, und einen einzigen ausgenommen, hatte ihn jedermann lieb. Er gehörte zu jenen im Dienst unnachsichtig strengen Offizieren, die aber, sobald sie den Zivilrock tragen, dann gegen alle Menschen mild und freundlich sind. Und heute war er in Zivil! Der weiche Felbelhut saß ihm hinten im Nacken, so daß das braune Gesicht mit der hohen Stirn ganz zu sehen war, unter welcher die hellen Augen nach allen Seiten lachten.
    Die Frau Major war eine schöne, schlanke, aber blasse Dame. Sie trug zwar einen Schleier, hatte ihn aber trotz des Sonnenscheins, der rundum licht auf den Fluren lag, zurückgeschlagen, um die gesunde, reine Bergluft frei einatmen zu können. Ihre Augen hatten fast die Farbe der Veilchen, die sich schon hier und da im Gras sonnten; sie schaute so sinnend, so eigentümlich träumerisch in die Welt hinein. Was für Augen das wohl waren? Diese Frage wußte der Herr Lehrer am besten zu beantworten. Er war in den vorigen Ferien in der Residenz gewesen und hatte bei Majors mitspeisen dürfen. Da hatte er mit der Dame viel gesprochen und dann nach seiner Rückkehr im Dorf berichtet: „Sie ist hochgebildet und außerordentlich ideal; darum faßt sie alles von der poetischen Seite auf. Ja, sie macht sogar Gedichte, wenn es paßt!“
    Das ‚Majörle‘, welches im Wagen rückwärts saß, war nicht in Zivil. Seine elfjährige Gestalt steckte in der schönen, bunten Uniform, welche ihn zu Weihnachten vom Christkindlein beschert worden war. Daheim durfte sie nur im Zimmer getragen werden; auf der Straße war es verboten. Aber hier im Dorf, das war etwas ganz anderes! Das ‚Majörle‘ hatte rundweg erklärt, daß es diese Reise in das Gebirge nicht mitmachen werde, wenn es die Uniform nicht anziehen dürfe, und dieser militärisch feste Wille war nach langen, elterlichen Gegenreden schließlich mit dem schuldigen Respekt begriffen und ausgeführt worden. In der Rangliste der Knabenzeit steht das ‚Majörle‘ über dem Major. Man hat ihm zu gehorchen!
    Heut' war ein wunderbarer, einzigschöner Frühlingstag. Die Luft schien still zu stehen, doch fühlte man den Hauch des jungen Lebens, welcher aus dem Mund des Lenzes geht, wenn dieser der Natur leise verkündet, daß er nun wieder blühen und duften lassen werde. Die Sonne hatte den Mittagspunkt noch nicht erreicht, schien aber schon so warm wie sonst im Mai. Es war, als habe sie die Leute sogar aus der Kirche gelockt. Der Sonntags-Frühgottesdienst war zu Ende, und die Besucher desselben kamen, die Gesangbücher in den Händen, aus dem hohen, breiten Tor, um sich heimkehrend im Dorf zu verteilen. Diejenigen von ihnen, welche dem Wagen des Majors begegneten, grüßten mit jener warmen Höflichkeit, der man es ansieht, daß sie aus dem Herzen kommt. Er dankte, indem er den Hut abnahm. Frau Major nickte freundlich. Das ‚Majörle‘ legte das Zeige- und Mittelfingerchen an die betreßte Mütze und machte dazu eine Miene, als ob es über ihm gar keine höhere Charge gäbe. Das war so seine selbstbewußte Art, die höchstwahrscheinlich von seinen vielen, vornehmen Ahnen stammte.
    Warum schauten die Dorfbewohner, nachdem sie freundlich gegrüßt hatten, dann mit so bedenklicher Miene hinter dem Wagen her? Das hatte seinen Grund und jeder kannte ihn. Draußen vor dem Ort lag der Pachthof, welcher dem Major gehörte. Der alte Pächter, welcher ihn stets gut bewirtschaftet hatte, lebte nicht mehr, und sein Sohn war leichten Sinns und liebte die Arbeit weniger als das Vergnügen. Er war unverheiratet. Ein rechter Bauer aber braucht eine brave, arbeitsame Bäuerin, die scharfe Augen hat und alles wohl zusammenhält. Wer sich auf fremdes Gesinde verläßt, der kann leicht rückwärts, selten vorwärts kommen, zumal, wenn er das Wirtshaus mehr als seine Felder, und Kartenspiel und Trunk mehr als die Arbeit liebt. Und leider war dies bei dem Pachthofer der Fall.
    Für kurze Zeit nach seines Vaters Tod war es wohl gegangen. Da hatte er einen fleißigen Knecht, der sich des Hofes annahm, als ob es zu seinem eigenen Vorteil sei. Das war der Felber Fritz, der beim Militär gestanden und dort gelernt hatte, pünktlich, treu und arbeitsam zu sein. Seit dieser aber ganz plötzlich seinen Dienst verlassen und sich mit einer gewaltigen Ohrfeige von seinem Herrn verabschiedet hatte, waren die Erträgnisse des

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