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4 Meister-Psychos

4 Meister-Psychos

Titel: 4 Meister-Psychos
Autoren: Hans Gruhl
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Tödlicher Cocktail
I
     
     
    Es war ein Donnerstag, an dem
ich beschloß, Doktor Claus Peters zu ermorden.
    Peters ist tot. Und auch ich
bin ein Toter. So nahe ich dem Sieg war, Peters betrog mich darum, als er schon
nicht mehr lebte.
    Viele Donnerstage sind seitdem
vergangen. Ich bin ein guter Sträfling. Ich führe mich musterhaft. Schon früher
war alles musterhaft, was ich tat.
    Seit einigen Tagen bekomme ich
Papier und Bleistift, für zwei Stunden täglich. Das Schreiben tut mir gut. Es
trennt mich von dem, was hinter mir liegt, und macht mich ruhiger.
    Ich schreibe nicht zu meiner
Rechtfertigung. Ich schreibe für Vera.
    Sie kann es niemals mehr lesen.
    Ich bin das einzige Kind meiner
Eltern. Von klein auf litt ich unter ihrer Strenge und Unduldsamkeit. Mein
Vater ist ein angesehener Arzt in einer kleinen, alten Stadt. Meine Erinnerung
an ihn ist die Erinnerung an Furcht. Nie konnte ich mit meinen Sorgen zu ihm
kommen. Mein Lärmen störte ihn, die Qual meiner Einsamkeit bemerkte er nicht.
Ihm verdanke ich die unselige Furcht vor Menschen und Dingen.
    Meiner Mutter war es nur lieb,
wenn sie mich möglichst selten sah. Sie war eine schöne Frau, stammte aus stolzer
Familie und befand sich viel auf Reisen. Meine Erziehung überließ sie Hausdamen
und Dienstmädchen. Meine Erinnerungen an sie sind die Erinnerungen an
Demütigungen, die sie mir vor Fremden zuteil werden ließ. Ihr verdanke ich die
lähmende Schüchternheit und das Bewußtsein einer Minderwertigkeit, das mich bis
zu meinem Tod nicht verlassen wird.
    Dazu kommt, daß ich sehr
häßlich bin. Ich bin klein und habe breite Hüften und schmale Schultern. Die
Haut meines Gesichts ist feucht und unrein. Mein Haar begann sich zu lichten,
als ich das zwanzigste Lebensjahr vollendete. Eine Brille trage ich seit meiner
Volksschulzeit. Ich weiß noch, wie meine Mitschüler mich verspotteten und ihre
Nasen breit drückten, um die meine nachzuahmen.
    Mein Name ist das dritte,
dessen ich mich schäme. Ich heiße Stephan Butterweis.
    Wenn ich angerufen wurde,
johlte die Klasse. Wenn ich ihn später nennen mußte, lief mir die heiße Röte
über das Gesicht. Wenn er an den Leuchtschildern der Klinik erschien, war mir,
als wollten die grellen Buchstaben mich an mein Unglück erinnern.
    Mit siebzehn Jahren mußte ich
in die Tanzstunde. Ich wehrte mich. Wer sollte mit mir tanzen? Aber meine
Mutter bestand darauf. Es war eine Höllenqual für mich.
    Bei der ersten Vorstellung
kicherten die Mädchen und hielten Taschentücher vor ihre Gesichter. Während der
Stunden blickte ich starr geradeaus und sprach kein einziges Wort mit meiner
Partnerin. Zum Abschlußball verfaßten sie ein Spottgedicht auf mich. Mir blieb
das unscheinbarste Mädchen, das mir durch nichts verbunden war als durch seine
Häßlichkeit.
    Als andere ihre ersten
Freundinnen küßten, war ich allein. Nie hätte ich gewagt, ein Mädchen
anzusprechen, nie vermocht, ihr den Hof zu machen.
    Meine einzige Freundin war Vera
Ring.
    Sie war die Tochter unseres
Nachbarn, eines Apothekers. Mein Vater und er waren befreundet, schon aus
beruflichen Gründen, und es ergab sich zwangsläufig, daß ich Vera früh
kennenlernte. Sie war damals ein molliges, wirbeliges Geschöpf mit schwarzem
Haar und hellblauen Augen. Sie spielte als einzige mit mir und war auch die
einzige, die meine Eltern als Umgang duldeten. Ich verehrte sie wie ein Wesen
aus einer fremden Welt, das in die meine einen Schimmer von Licht und Wärme
brachte.
    Mit achtzehn Jahren bestand ich
mein Abitur mit Auszeichnung. Ich habe alle meine Prüfungen mit Auszeichnung
bestanden, weil ich mir vorgenommen hatte, immer und überall der Beste zu sein.
    Ich wollte die anderen,
Glücklicheren durch meine Leistungen beschämen und mich selbst durch meine
Erfolge gegen das ewig wiederkehrende Minderwertigkeitsgefühl sichern.
    Es stand fest, daß ich Arzt
werden würde. Nie war an etwas anderes gedacht worden. Nie hätte ich gewagt,
meinem Vater den Wunsch nach einem anderen Beruf vorzutragen. Es gab keinen
neben dem des Arztes.
    Ich bezog die nächstgelegene
Universität. Zum erstenmal spürte ich einen Hauch von Freiheit. Meine Eltern
schickten mir so viel Geld, daß ich gerade auskam; und ich war daran gewöhnt,
mit wenig auszukommen. Außerdem arbeitete ich mehr als meine Studienkollegen
und blieb den Vergnügungen fern, denen sie nachliefen.
    Die sechs Jahre des Studiums
gingen ohne sonderliche Höhepunkte vorüber. Ich schloß Bekanntschaften, fand
aber

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