Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen

2386 - Die Diskrete DomÀne

Titel: 2386 - Die Diskrete DomÀne
Autoren: Unbekannt
Ads
erschrak.
    Ich blickte einem klein gewachsenen Geschöpf in die Augen. Das, was ich als Spiegelung erkennen konnte, war mein eigenes Gesicht. „Öffnen", sagte ich leise.
    Mein Dormoid erwachte zum Leben. Das transparente Oberteil rollte sich leise knirschend zur Seite hin ein.
    Der Kleingewachsene sprang beiseite, entfernte sich aus meinem Gesichtsfeld.
    Ich hörte sein aufgeregtes Schnattern, unterbrochen von einer ähnlichen, aber höher klingenden Stimme. „Keine Angst!", sagte ich, ohne zu wissen, ob man mich verstand.
    Vorsichtig richtete ich mich auf. Die Bewegung fiel mir schwer. Sie entsprang eher dem Instinkt als meinem bewussten Zutun.
    Instinkt?, richtete eine Stimme in meinem Kopf ihre hämische Frage an mich. Ein Geschöpf wie du - wie wir! - kennt keinerlei Instinkt. Es besitzt lediglich das, was ihm seine Erzeuger eingepflanzt haben. Richtig.
    Ich war ein Erzeugnis.
    Schluss damit! Derlei Grübeleien halfen mir zurzeit nicht weiter. Ich musste mir so schnell wie möglich einen Überblick verschaffen, die mir völlig unklare Situation enträtseln. Danach würde sich die Zeit finden, in der ich mir über meine eigene Existenz klar werden konnte.
    Ich stützte mich seitwärts auf die Ränder des Dormoids, kam auf die Knie, schob mich aus dem Behältnis. Mein Horizont erweiterte sich augenblicklich - und ebenso meine Verwirrung.
    Was hatten die beiden dröge dreinblickenden Zugtiere links und rechts von mir zu suchen? Eines wandte sich mir mit desinteressiertem Blick zu, während das andere unbeeindruckt auf einem Grasbüschel kaute. Transporttiere. Eingeschirrt, mit vielen Lederköchern bepackt. Stinkend, doch von keinen Insektenschwärmen umgeben. „Habt keine Angst", sagte ich neuerlich zu den Kleinen, während ich mich zur Gänze aus meinem Schlafgefährt stemmte.
    Die beiden Wesen - zwei Beine, zwei Arme, überdimensionierte Köpfe auf winzigen Körpern - trippelten vorsichtig einige Schritte zurück. Ihre Füße erzeugten kaum ein Geräusch im saftigen Grün, das uns umgab.
    Zu viele Eindrücke.
    Zu viele Informationen.
    Zu viel Verwirrung ...
    Konzentrier dich auf das Wesentliche!, sagte jene Stimme im Hintergrund meines Bewusstseins, die ich bereits einmal vernommen hatte.
    Ich wusste, dass sie ein Aspekt meines eigenen Ichs war. Ein Ausdruck meiner Logik, die mich von den sinnverwirrenden Bildern, die auf mich einstürmten, zum Erkennen des Wesentlichen drängten.
    Ich ignorierte die Kleinwüchsigen für den Moment. Von ihnen ging, das spürte ich, keine Gefahr aus. Ich richtete mein Augenmerk auf die Gebäude, die sich im Tal vor mir in die Höhe schoben.
    Ich sah Dutzende blaue und goldene Türme. Spitz und schnörkellos deuteten sie in den Himmel. Rings um die Bauten befanden sich Blumenbeete, deren Blüten gelb und rot schimmerten. Die Stadt endete wie mit einem scharfen Messer abgetrennt.
    Der unbekannte Erbauer besaß wohl eine Vorliebe für Symmetrie und genaue Abgrenzungen. „Womit habt ihr mich transportiert?", fragte ich die beiden Kleinen, ohne eine Antwort zu erhoffen.
    Dass sie mich mit ihren Zug- und Tragtieren hierher geschleppt hatten, stand außer Frage. Wie, warum und woher - dies waren Dinge, um die ich mich später kümmern würde.
    Ich tat einen Schritt auf die Gebäude zu - und stürzte fast über die sanfte Böschung.
    Meine Beine fühlten sich müde an, auch wenn die Muskulatur während des Schlafs im Dormoid keinerlei Schwächung unterlegen zu sein schien.
    Vorsichtig ging ich weiter, setzte Fuß vor Fuß, sorgsam auf die Koordination meiner Gliedmaßen bedacht.
    Es dauerte nicht lange, bis ich die Bewegungsabläufe verinnerlicht hatte.
    Offenbar hatte mein Körper gewisse Dinge während der Schlafperiode vergessen und benötigte einige Zeit, um sich wieder an das Zusammenspiel von Befehlsimpulsen, Nervenreizen, Sehnen und Muskeln zu gewöhnen.
    Ein schmaler, kaum erkennbarer Weg zog sich den Hügel hinab. Niedergetrampeltes Gras und beiseite gedrücktes Gehölz waren Zeichen dafür, dass dieser Pfad genutzt wurde. Selten, aber immerhin.
    Etwas - oder jemand - zupfte mich am Ärmel. Ich blieb stehen und drehte mich um. Der Kleine, der hinter mir hergehechelt war, schien einem Kreislaufkollaps nahe zu sein. Er hatte sein kantiges Kinn weit vorgeschoben. Er wollte wohl energisch wirken und damit die Angst übertünchen. Seine Augen wirkten glasig, drohten aus den tiefen Höhlen zu fallen. Er ruderte mit den Armen, als gälte es, sich eines Rudels wilder Bestien zu

Weitere Kostenlose Bücher

Mythos
Mythos von Markus C Schulte von Drach
Der Hobbit
Der Hobbit von J.R.R. Tolkien