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2265 - Die Krone von Roewis

Titel: 2265 - Die Krone von Roewis
Autoren: Unbekannt
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-um an der Oberfläche festzustellen, dass ihnen allen die Mähnen abgeschnitten worden waren." Lisch Entber schnaufte zufrieden. „Das Pack wurde recht bald von der Spitze des Konsortiums verdrängt, hehe ..."
    „Mau! Echt scharf!", sagte Ebharsch. Seine braungrün gesprenkelten Augen leuchteten auf. „Gibt's Pläne von diesen Anlagen?"
    Wütend fuhr Lisch herum. „Die sind für euch nicht zugänglich", fauchte er und zog die Nase hoch. „Wagt es ja nicht, ohne Begleitung eines Erwachsenen hier herunterzukommen!" Seine Eckzähne, fein angespitzt und sauber, kamen zur Gänze zum Vorschein. Eine solche Drohung schüchterte jedes Kind ein.
    Vor mehr als fünfzig Jahren war es Lisch wie den beiden ergangen, als ihn sein Vater erstmals hinab in das Gerüst geführt hatte. Doch kein Schrecken, kein Alptraum, kein Schauermärchen hatte ihn davon abhalten können, heimlich wiederzukommen. Die dunklen, staubigen Gänge zu erforschen, den unermüdlichen Robos zu folgen, ihre Wege nachzugehen. Heimlich Gespräche der Wartungsarbeiter zu belauschen, ihre kleinen Geheimnisse kennen zu lernen.
    Damals hatte er zu verstehen begonnen. Die Krone, ein Fanal der Phantasie, der Größe und des Stolzes, leuchtete weithin. Sie kündete von der Erhabenheit und dem merkantilen Erfolg des Roewis-Imperiums. Aber die Logistik, die hinter dem einzigartigen Bauwerk steckte, war ganz genauso wie jene in einer Zwei-Familien-Hausbirne - nur ein wenig größer.
    Seine Gedanken kehrten zu den Kindern zurück. „Habt ihr mich verstanden, ihr Lumpenbälger?", fragte er die Enkel. „Ihr macht keinen Schritt ohne einen Erwachsenen."
    „Ja", antwortete Ebharsch mit treuherzigem Blick. Natürlich log er.
    Gut so! Noch kein Entber hatte sich vom Verbot eines Älteren aufhalten lassen. Nicht einmal Findus, der missratenste aller Söhne. „Also weiter jetzt!", fauchte er die beiden an, nur mühsam ein Lächeln unterdrückend. „Die Tentzen warten."
    Ja, die Tentzen ... Unterarmgroße Nager. Aggressive, hässliche Müllfresser mit langen Schwänzen, die schleimige, leicht giftige Feuchtigkeit absonderten. Ihre kräftigen Zähne bissen sich durch Plastiflex-Verkleidungen ebenso wie durch dünne Metalle. Sie waren die Pest einer jeden Gurrad-Stadt auf Roewis - und dennoch viel mehr.
    Mythen, so alt wie die bekannte Historie Roewis', besagten, dass in den Tentzen die Geister der Verstorbenen eine neue Heimat fänden. In diesen hässlichsten aller Körperhüllen mussten die Gurrad-Seelen alle Makel wie Hochmut, Stolz oder Aggressionen ablegen, bevor sie die endgültige Reise in die Ewige Savanne antraten. Erst nach dem Ende ihres Tentzen-Daseins waren sie tatsächlich gestorben.
    Kein Gurrad, auch kein Skeptiker oder Atheist, wagte es, die Tentzen anzugreifen.
    Die fettesten und bösartigsten der hässlichen Nager fühlten sich ausgerechnet im Gerüst der Krone heimisch. Lisch hatte in seiner Jugend einmal ein Königsexemplar zu Gesicht bekommen.
    Es fiel meinen besten Freund Ebenzer an. Biss ihn zu Tode. Ich war nicht imstande, ihm zu helfen.
    Stocksteif blieb ich stehen, überhörte seine verzweifelten Schreie, die immer leiser wurden, stockenden Gebeten an den Ewigen Arslan Platz machten und erst nach einer Ewigkeit verstummten ...
    Meine Hände zitterten wie die eines Alkoholikers, als ich die Lichter in dem Lagerraum löschte. Ohne mich umzudrehen, ging ich hinaus, aktivierte den Sperrkode, das Fauchen und Schmatzen des Tieres immer im Ohr, das meinen Freund zerbiss. Heute noch kann ich das Geräusch hören ...
    Ja, so waren die Tentzen. Es wurde Zeit, sie den Enkelkindern zu zeigen. „Hört ihr das Trippeln?", fragte Lisch, das Ohr an die Plastverkleidung der Seitenwand gelegt. „Das sind sie?", fragte Kiula mit gespitzten Ohren. „Ja. Sie beißen sich meist eigene Gänge durch die Wände. Wir haben einmal versucht, das Labyrinth ihrer Wege zu vermessen, um festzustellen, woher sie eigentlich kommen. Es war schlicht und einfach unmöglich. Ihre Tunnelwege unter der Krone würden, aneinander gereiht, von hier bis nach Aschbian reichen."
    „Mau! Bis zum Nachbarplaneten? Funzig!" Ebharsch war hellauf begeistert, obwohl er seine Ängste nach wie vor nicht verbergen konnte.
    Reifte hier endlich ein Nachfolger für ihn heran? Einer, dem er die notwendigen Berufseigenschaften vermitteln konnte? „Dort, an der Biegung, ist einer der Futterplätze. Wir bringen Essensreste hierher. Nun wisst ihr, warum es am Tisch höflich ist, immer einen Mund voll

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