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22 - Im Reiche des silbernen Löwen III

22 - Im Reiche des silbernen Löwen III

Titel: 22 - Im Reiche des silbernen Löwen III
Autoren: Karl May
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Ahriman auf meinem Bild glich ganz genau dem Mirza, der dort am Waldrand vor uns stand. Hat dieselbe Idee auch stets die gleiche Gestalt, mag sie stammen, woher sie auch sei? Das Böse hat für den ersten, flüchtigen Blick wohl immer eine verlockende Gestalt. Aber wenn man sie zwingt, den Mund zu öffnen, so ist das sicherste Erkennungszeichen die Leidenschaft, mit der sie alles treibt und tut und redet. Der, welcher einst dem Teufel den Quastenschwanz und Pferdefuß verlieh, hat sicherlich in seinem Dienst gestanden. Die Hölle ist ein Sumpf, auf dem die Decke üppig grünt und blüht, den irren Lebenswanderer anzulocken. Der Himmel glänzt, sie aber kann nur gleißen. Ihr Gold ist falsch, wie ihre Diamanten. Die flimmernden Steine des Mirza sind wohl auch nicht echt!“
    Die verschiedenen Gruppen der Dschamikun vereinigten sich, um unter dem noch fortdauernden Glockenläuten nach dem Duar zu ziehen. Meine Sänfte wurde gebracht. Hanneh stand in der Nähe. Ich lud sie ein, mit einzusteigen. Es war genügend Platz für zwei Personen da. Sie nahm es an, doch sagte sie:
    „Laß uns noch warten, bis die Sterne leuchten! Ich möchte gern das Zelt da oben in ihrem Lichte schauen.“
    Das war mir recht. Der Ustad und der Peder gingen. Der letztere kam aber noch einmal zurück zu mir und fragte mich:
    „Effendi, erlaubst du mir, ihm zu sagen, was wir gesprochen haben? Ich kann kein Geheimnis vor ihm haben, und möchte doch auch gern, daß er von deiner tapferen Beichte erfahre, die weder Menschenfurcht noch sonstige Feigheit kennt.“
    „Ich kenne keinen Grund, es ihm zu verschweigen“, antwortete ich. „Es ist nichts in mir, was ich ihm verheimlichen möchte.“
    Hierauf führte ich Hanneh quer durch den Tempel. Wir setzten uns an seinen Stufen nieder. Sie war still, ich auch. Ein jetzt noch matter Schein lag zwischen hier und dort. Nur der Abendstern stand schon in vollem Glanz. Früh heißt er Morgenstern? Er ist derselbe; nur die Namen sind verschieden. Nicht so auch Gott? Zwischen den beiden Namen des Sterns liegt eine Nacht. Welche Nächte sind es, die zwischen den verschiedenen Namen Gottes liegen? Und wer ist es, von dem diese Dunkelheiten ausgegangen sind? Von ihm, dem ewigen Licht, nicht!
    „Ich sehe es“, sagte Hanneh leise, als ob das Alabasterzelt ein Heiligtum sei, von welchem man nicht in lauten, rauhen Worten sprechen dürfe.
    Auch ich sah es nun. Der Berg auf dem es lag, erschien uns jetzt als eine formlose, finstere Masse. Nur in der Höhe hatte er Konturen, welche der Himmel ihm verlieh. So scheinen auch die Berge des Lebens in der Tiefe ohne Gestalt zu sein; aber sie tritt um so mehr und um so deutlicher hervor, je näher sie zum Firmament steigen. Auch das Zelt selbst erschien noch schattenhaft. Im Innern war es ohne Licht, doch nahte dies von oben. Als ob der Gedanke, der es erstehen ließ, erst jetzt geboren und sofort zum Körper werde, so tat es sich im heller werdenden Schein der Sterne vor unseren Augen immer weiter und immer deutlicher auf, bis es in magischer Schönheit klar und rein, dem Meister dankte, welcher die im Gestein verborgene Bergeseele aus ihrer schwermassigen Gestaltlosigkeit befreit und ihr im bedeutungsvollen Bildnis die Erlösung gebracht hatte.
    Wir saßen und schauten, ohne zu sprechen. Was soll man reden, wenn man von Gefühlen bewegt wird, für die es keine Worte gibt! Nach wohl geraumer Zeit stand Hanneh auf. Wir gingen zur Sänfte und wurden heimgetragen. Im Duar herrschte lautes, froh bewegtes Leben. Droben war es still.
    Als wir unseren Saal betragten, fiel es mir auf, daß sich mein Lager nicht mehr dort befand. Kara saß bei seinem Vater. Der Ustad und der Peder standen dabei. Halef schlief. Aber sein Gesicht hatte nicht die Ausdruckslosigkeit, welche dem vollständigen Unbewußtsein eigen ist.
    „Er war froh über seinen Traum“, sagte Kara leise, um ihn nicht etwa zu wecken.
    „Hat er wieder geträumt?“ fragte Hanneh.
    „Ja. Und zwar wieder vom Effendi.“
    „Doch nicht etwa von den fürchterlichen Maden!“
    „Doch! Der erste Traum war wiedergekehrt. Ich weiß, daß so etwas zuweilen geschieht. Auch schrie er wieder. Bald aber beruhigte er sich. Ich sah ihm sogar an, daß er sich über etwas freute, und als er dann erwachte, sagte er mit, worüber. Das machte ihn so glücklich!“
    „Was?“
    „Die Würmer hatten einander schließlich selbst aufgefressen, bis endlich die letzte aller Maden so dick geworden war, daß sie an sich selbst zerplatzen

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