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22 - Im Reiche des silbernen Löwen III

22 - Im Reiche des silbernen Löwen III

Titel: 22 - Im Reiche des silbernen Löwen III
Autoren: Karl May
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suchen sein.
    Obgleich ich das alles sehr wohl wußte, war ich doch mit meinem Hadschi Halef hierhergekommen, um Alt-Basra zu besuchen und dann aber ja nicht zu verweilen, sondern über den Schott el Arab und Qarun zu setzen und dann am Ufer des Dscherrahi oder auch Ab Ergun in die Berge zu reiten, durch deren Pässe dann ein Weg nach Schiras zu suchen war.
    Meine Leser wissen, daß ich früher schon mal mit Halef in Basra gewesen bin. Wir hatten schon damals die Absicht, nach Persien zu gehen, waren aber auf die Pilgerstraße nach Mekka abgelenkt und dann ganz verhindert worden, diesen Vorsatz auszuführen. Was wir dabei in Alt-Basra erlebt hatten, war so interessant, daß wir jetzt diese Gegend nicht berühren wollten, ohne die Stätte wieder aufzusuchen.
    Heute waren wir von diesem Ritt zurückgekehrt und saßen nun unweit der Zollgebäude in dem Kahwe (Kaffeehaus), welches neben dem Tor in der Mauer liegt. Wir hatten die Pferde in dem engen, schmutzigen Hof stehen und warteten auf den Fährmann, der uns an das linke Ufer des Schott el Arab bringen sollte. Der liebe Mann hatte uns abgewiesen und auf später vertröstet, weil er vorhin jemand hinübergerudert habe und sich nun erst einmal tüchtig ausruhen müsse. Dieser Zeitverlust um einer so albernen Ursache willen war ärgerlich, mußte aber hingenommen werden, da der Starrkopf unsern Einwand, daß wir selbst rudern wollten und er dabei ruhen könne, mit der Widerrede beantwortete, daß er seine Ruder nur für sich und nicht für andere Leute habe.
    Aber wie jede Verdrießlichkeit auch eine gute Seite hat, so sollte es sich auch in diesem Falle zeigen, daß die Verzögerung nicht ohne freundliche Folgen für uns sei. Ja, sie brachte uns eine Überraschung, wie wir sie uns größer und besser gar nicht hätten wünschen können.
    Ich muß bemerken, daß die Wände des Kaffeehauses gradso wie diejenigen der Zollgebäude aus geflochtenem Rohr bestanden. Es gab zwei Räume, einen größeren und einen kleineren; wir saßen ganz allein in dem letzteren und konnten durch die dünne, lückenreiche Scheidewand alles, was in dem ersteren vorging, sehen und auch alles deutlich hören, was gesprochen wurde. Bis jetzt waren einige Leute dagewesen, nun aber wieder gegangen. Der Wirt saß faul auf seinem Kissen, hatte die ausgegangene Tabakspfeife auf den Knien liegen und sah schläfrig vor sich hin. Der junge Somali, welchem die Bedienung der Gäste obzuliegen hatte, war beschäftigt, die Tschibuks, die an der Wand hingen, einen nach dem anderen herabzunehmen, um sie zu stopfen; sie waren für die rauchlustigen Gäste bestimmt.
    Es war sehr still hier in den Räumen, auch draußen: nur zuweilen hörten wir einen lauten Kommandoruf, welcher auf dem Verdeck des englischen Dampfers erscholl, der gegen Abend die Anker lichten wollte, um nach Karatschi und Bombay zu gehen. Dann ertönte die begrüßende Stimme einer kräftigen Schiffspfeife. Es kam ein neuer Dampfer an, ob von oben herab oder von der See herauf, wußten wir nicht, weil wir ihn nicht sehen konnten. Dieses Schiff brachte uns die Überraschung, welche ich vorhin erwähnte. Es waren seit dem Pfeifensignal kaum zehn Minuten vergangen, so hörten wir, daß ein neuer Gast in das Café trat.
    „Sallam!“ grüßte er kurz.
    „Sallam aaleïkum!“ antwortete der Wirt in müdem, gleichgültigem Ton.
    Wir hatten gar keinen Grund, uns um die Besucher dieses Hauses zu bekümmern, aber die Langeweile des Wartens veranlaßte uns, durch die Lücken der Scheidewand einen Blick auf den Eingetretenen zu werfen.
    Kaum hatten wir das getan, so wollte Halef aufspringen; er öffnete den Mund zu einem Ausruf der Verwunderung; ich aber bedeckte ihm die Lippen schnell mit der Hand, drückte ihn auf sein Sitzkissen nieder und raunte ihm zu:
    „Still, ganz still, Halef! Das ist eine außerordentliche Begegnung; auch ich freue mich so darüber, daß ich laut werden möchte, aber wir wollen warten; er ist allein und ich möchte gern beobachten, wie er, der weder arabisch noch türkisch versteht, sich benehmen wird.“
    Der Mann, auf den sich diese meine Worte bezogen, war eine Person, die schon an jedem Ort des Abendlandes und wie viel mehr hier in diesem Winkel des Orients die Aufmerksamkeit auf sich ziehen mußte. Seine Gestalt war überaus lang und knochig. Ein hoher, grauer Zylinderhut saß auf seinem schmal ausgezogenen Kopf. Ein unendlich breiter, dünnlippiger Mund legte sich seiner Nase quer in den Weg, die zwar scharf und lang

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