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22 - Im Reiche des silbernen Löwen III

22 - Im Reiche des silbernen Löwen III

Titel: 22 - Im Reiche des silbernen Löwen III
Autoren: Karl May
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ERSTES KAPITEL
    In Basra
    Jedem Leser von ‚Tausend und eine Nacht‘ ist der Name Basra bekannt, weil die ebenso schöne wie kluge Erzählerin Scheherezade einen Teil ihrer Märchen in dieser einst so hochberühmten Stadt spielen ließ. Basra, früher auch Bassora oder Balsora genannt, ist die älteste der am Euphrat und Tigris gelegenen Kalifenstädte und wurde im Jahre 636 von Omar gegründet, um den Persern die Verbindung mit dem Meer und so den Seeweg nach Indien abzuschneiden.
    Zu jener Zeit lag an der damaligen jetzt vollständig vertrockneten Mündung des Flusses die alte Stadt Teredon oder Diridotis, welche wegen der Fruchtbarkeit ihrer Gegend jahrhundertelang von den Arabern zu den vier Paradiesen der Moslemin gerechnet wurde. Sie stand seit Nebukadnezar bis zur Zeit der macedonischen Diadochen in Blüte und ist auch uns besonders dadurch bekannt, daß Nearchos, der Jugendfreund Alexanders des Großen, im Herbst des Jahres 325 (v. Chr. [d. Scanner]) mit seiner Flotte vom Indusdelta herüberkam und hier in Teredon landete.
    Zwischen diesem Handelsplatz und Basra entstand ein Wettbewerb, aus welchem die damals noch junge Kalifenstadt als Siegerin hervorging; Teredon verödete, meist wohl auch infolge der allmählichen, aber unaufhaltsamen Versandung des Flusses, während Basra als Stapelplatz der nach Bagdad bestimmten Waren zu solcher Bedeutung gelangte, daß der persische Golf das ‚Meer von Basra‘ genannt wurde.
    In einer wohlangebauten Gegend liegend und unter dem besondern Schutz des Kalifen stehend, kam diese Stadt nicht nur zu großem materiellen Reichtum, sondern auch zu hohem literarischen Ruhm, weil die hervorragendsten Dichter und Gelehrten der moslemitischen Welt sich hier zusammenfanden, besonders nachdem Ibu Risaa, der Gefeierte, da eine der ersten Gelehrtenschulen gegründet hatte. Die geistige und geistliche Bedeutung dieser Akademie war eine so hohe, daß Basra durch sie den Ehrennamen Kubbet el Islam, Kuppel des Islam, erhielt.
    Diese Herrlichkeit war aber nicht von langer Dauer; die Stadt ging an demselben Schicksal zugrunde, welchem ihre einstige Rivalin Teredon erlegen war, der mit der Zeit unerbittlich fortschreitenden Austrocknung des Flusses, wozu sich auch höchst ungünstige politische Verhältnisse gesellten. Jetzt besteht die ‚Kuppel des Islam‘ nur aus zwischen Ruinen liegenden armen Hütten und ist, obgleich Ausgangspunkt der nach Arabien bestimmten Karawanen, fast bedeutungslos. Sogar den Namen hat es eingebüßt; es wird jetzt Zobeïr genannt, nach einer kleinen Grabmoschee, welche auf der Stelle steht, wo der gleichnamige Parteigänger von Mohammeds Witwe Aischa den Tod gefunden hat.
    Übrigens ist das alte Basra auch dadurch interessant, daß Mohammed als Knabe seinen Oheim Abu Taleb auf einer Reise hierher begleitete und da mit einem christlichen Mönch namens Dscherdschis (Georgius) zusammentraf, der sich viel mit ihm beschäftigte und dann den Onkel auf die geistigen Anlagen des Neffen aufmerksam machte. Wahrscheinlich ist hier die Wurzel zu den christlichen Anschauungen zu suchen, deren Blüten so oft im Koran zu entdecken sind.
    Basra liegt jetzt ungefähr zwei Meilen nordöstlich von der alten Stadt. Wer etwa infolge von ‚Tausend und eine Nacht‘ in poetisch gehobener Stimmung ankommt, der sieht sich von einer so unpoetischen Misere umgeben, daß er schon in der ersten Stunde wünscht, den Schauplatz süßer Märchen so bald wie möglich wieder verlassen zu können.
    Zunächst liegt die Stadt leider nicht direkt am Fluß, sondern eine halbe Stunde davon an einem stagnierenden und darum übelriechenden Wasser. Der Ort bietet dem Auge des Besuchers nur die Zeichen des Verfalls; er steht auf versumpftem Grund, welcher gefährliche Miasmen erzeugt. Die jahraus, jahrein hier brütenden Fieber sind so berüchtigt, daß z.B. die Versetzung eines Beamten von Bagdad nach Basra für eine Verurteilung zum sichern Tod gehalten wird. Kein einheimischer Arzt kennt ein wirksames Mittel gegen dieses Fieber, und da auch unsere Medizinen sich als machtlos erweisen, so kommt auch der Europäer nur, um schnell wieder zu gehen.
    Die Bevölkerung, noch in den zwanziger Jahren auf wenigstens sechzigtausend geschätzt, kann jetzt kaum den zehnten Teil davon betragen, und wenn es hier nicht den Kut-i-Frengi (Landeplatz) für die großen Seedampfer gäbe, welche den Handelsverkehr zwischen Mesopotamien und Indien vermitteln, so würde Basra an seiner jetzigen Stelle bald vergeblich zu

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