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194 - Die Hölle der Erkenntnis

194 - Die Hölle der Erkenntnis

Titel: 194 - Die Hölle der Erkenntnis
Autoren: Jo Zybell
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Ein Albtraum. Aruula spürte ihr Herz klopfen, kalter Schweiß stand auf ihrer Stirn, ihr Atem flog, sie fröstelte. So fühlte Angst sich an.
    Es war ein Albtraum gewesen. Vorbei. Doch warum spürte sie dann immer noch die Gegenwart des Fremden? Warum hallte das Echo seiner Stimme noch durch ihren Kopf? Sie schüttelte sich und raffte die Felle über ihre Schultern und Knie. Ihre Fußkette klirrte, als sie die Beine anzog.
    Fackellicht flackerte auf der Höhlenwand. Das Schnarchen eines ihrer Bewacher drang vom Gang in ihren Kerker. Die Schritte des zweiten Wächters schlurften auf und ab. Langsam, ganz langsam nur zog sich die Gegenwart des Fremden zurück.
    Bald war seine mächtige Stimme nur noch eine bange Erinnerung. Ihr Herzschlag beruhigte sich.
    Wer hatte da gerufen? Wessen Stimme hatte sie im Schlaf belauscht? Aruula zog die Schultern hoch und barg das Gesicht in den Armen unter der Decke. Nur ein böser Traum, nicht mehr daran denken.
    So saß sie eine Zeitlang, und ihr vom Albtraum aufgescheuchtes Gemüt beruhigte sich allmählich wieder. Sie dachte an Maddrax und seine Küsse, an seine Hände auf ihrer Haut. So verdrängten die schönen Traumbilder nach und nach die Eindrücke von Angst und Schrecken.
    Schritte hallten durch die Felstunnel draußen vor der Tür ihrer Kerkergrotte. Aruula hob den Kopf und lauschte. Sie näherten sich ihrer Höhle: Schritte von mindestens drei oder vier Menschen. Sie blieben vor ihrer Grotte stehen, sprachen mit den Wächtern, und dann öffnete jemand den Türriegel.
    Aruula rutschte an die Wand.
    Zu viert kamen sie herein. Anangu. Drei waren schwarz und klein, wie die meisten Wächter des Uluru, einer hatte hellbraune, fast graue Haut und war stämmig und muskulös.
    Vor allem der vorgeschobene Unterkiefer verlieh seinem Gesicht einen brutalen Zug. Er bellte den anderen dreien Befehle zu.
    Sie lösten die Ketten von Aruulas Knöcheln, fesselten ihr die Hände auf den Rücken und zerrten sie aus der Kerkergrotte.
    »Was ist los? Wohin bringt ihr mich?«
    Die Krieger antworteten nicht. Durch einen Höhlengang führten sie die Frau von den Dreizehn Inseln zum Ausgang aus dem Grottenlabyrinth.
    Aruula versuchte in die Gedanken der Männer einzudringen, um herauszufinden, was ihr bevorstand. Doch sie war viel zu erregt, um konzentriert lauschen zu können. Nur zwei Bilder konnte sie den Gedanken des Anführers entreißen: ein großes Feuer auf einem roten Steinblock und das Gesicht ihres Geliebten.
    Maddrax…
    So lange hatte sie sich im tiefsten Inneren die Hoffnung erhalten, dass er noch lebte, ohne wirklich daran zu glauben.
    Und dann hatte er plötzlich vor ihr gestanden, kurz nach ihrer Ankunft am Uluru. Er war es tatsächlich gewesen, das hatte sie in den wenigen Sekunden erkannt, die ihnen vergönnt waren.
    Bevor die Anangu Maddrax mit sich gezerrt und sie in diesen Kerker im Inneren des Feldmassivs gesperrt hatten.
    Jetzt führten sie sie wieder ins Freie. Dunkelheit herrschte vor dem Uluru, es war Nacht. Ein Mammutwaran wartete.
    Fackelträger standen bei ihm. Mit herrischen Gesten bedeutete ihr der Hellhäutige, auf die Echse zu steigen. Seine Unterlippe war wulstig, als wäre sie geschwollen, seine grauen Augen funkelten kalt.
    Auch die Krieger bestiegen das graue Reptil. Das massige Tier setzte sich in Bewegung. Am Uluru entlang trabte es durch das Lager der Telepathen. Das war menschenleer: keine Stimmen, keine Lagerfeuer, nichts. Wo waren die vielen Männer und Frauen?
    Schaukelnd verließ das Reptil das Lager. Die Anangu schwiegen. Aruula dachte an ihren Albtraum. Gab es einen Zusammenhang zwischen dem rufenden Fremden und dem, was hier geschah?
    Bald ließ der Mammutwaran auch den Uluru hinter sich.
    Die Sichel des Halbmonds stand am Himmel. Die Echse trottete zu einer großen Senke. Aruula sah Fackeln und ein Feuer.
    Hunderte von Menschen hockten zwischen vereinzelten Sträuchern und Büschen im dürren Gras. Die Telepathen. In der Mitte der Kuhle lag ein Steinblock, groß wie eine Hausruine. Auf ihm brannte das Feuer. Männer standen oder saßen dort. Im Schein von Fackeln und in den Flammen des Feuers glaubte sie drei uralte und einige junge Anangu zu erkennen; und zwei Weiße in ihrer Mitte. Ein Mann war gefesselt, der andere hatte blondes Haar.
    Es war ihr Geliebter.
    »Maddrax!«
    Vor dem Steinblock hatten sie einen Holzstoß erreichtet. Ein Pfahl ragte aus ihm. Es war ein Scheiterhaufen…
    ***
    Der Gegenwind war kräftig und eiskalt. Eine Wolkendecke

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