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162 - Ein Bildnis, das die Hölle schuf

162 - Ein Bildnis, das die Hölle schuf

Titel: 162 - Ein Bildnis, das die Hölle schuf
Autoren: A.F.Morland
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Er war ein durchschnittlich begabter Künstler, sah sich selbst jedoch nicht so. James Purviance hielt sich für etwas Besonderes, vielleicht sogar für ein verkanntes Genie. »In Paris müßte man leben«, seufzte er manchmal. »Dort würde ich schon lange zu den Großen gehören, aber hier in London leben ja nur Banausen. Wenn einer im photorealistischen Stil malt, rümpfen diese Idioten die Nase. Wozu macht er sich soviel Mühe, wo es doch Fotoapparate gibt? Da macht man einfach Klick und hat dasselbe Bild, nur viel schneller.«
    Purviance war davon überzeugt, daß man seine Größe in Paris zu schätzen gewußt hätte. Er träumte davon, in diesem Mekka für Künstler zu leben und zu arbeiten, aber er ging doch niemals aus London fort, weil er im Grunde genommen Angst vor Paris hatte. Er wollte sich seinen Traum bewahren, ihn nicht zerstören. Er war wie der Mann, der behauptete, ein Buch schreiben zu wollen, einen Bestseller, der damit aber nie anfing, um nicht zu versagen. Solange er das Buch vor sich hatte, konnte er sich einreden, daß er zu so etwas Großem imstande war. Nach einer Bruchlandung wäre das nicht mehr möglich gewesen.
    Allüren wie ein Star hatte sich Purviance bereits zugelegt, für den Fall, daß er über Nacht berühmt werden sollte, was ja immerhin nie ganz auszuschließen war.
    Er kleidete sich verrückt und trug selbst in der warmen Jahreszeit einen Schal, den er lässig über die Schulter warf. Er konnte Unmengen Rotwein trinken - und tat dies auch. Die Tatsache, daß sich seine Bilder schlecht bis überhaupt nicht verkauften, entmutigte ihn nicht, denn er wußte es ganz genau: Seine Stunde würde kommen, und dann würde man Höchstpreise für seine Werke bezahlen.
    Man muß warten können, sagte er sich.
    Edna, seine Frau, hatte liebe Not mit ihm. Manchmal waren sie so knapp bei Kasse, daß Edna jeden Job annahm, den sie kriegen konnte, denn für jede andere Arbeit als das Malen war sich James Purviance selbstredend zu gut.
    Am jenem 24. Juni, einem Freitag, warf sich James Purviance wieder einmal schwungvoll den Schal über die Schulter und ließ sich von Edna die Wagenschlüssel geben. Er hätte sie sich selbst nehmen können, denn er wußte, wo sie lagen, aber selbst in kleinen Dingen ließ er sich von seiner Frau bedienen, wohl um ihr zu zeigen, daß sie um einiges tiefer stand als er, der große Meister.
    Edna war eine blonde Schönheit mit langem Haar, sinnlichen Lippen und einer traumhaften Figur. Sie war einmal Purviances Modell gewesen. Da er für die Sitzungen nicht immer bezahlen wollte, hatte er sie geheiratet. Damals hatte sie noch an ihn geglaubt; heute tat sie das nicht mehr. Die Enttäuschungen, der Ärger mit James hatten ihrer Schönheit keinen Abbruch getan. In fünf Jahren Ehe hatte sich jedoch viel Frust angesammelt. Vielleicht hätte Edna ihren Mann verlassen und noch einmal von vorn anfangen sollen, doch sie bildete sich ein, daß alle Männer irgendwie gleich waren, deshalb blieb sie bei James, den sie kaum noch liebte.
    Sie legte ihm die Autoschlüssel in die Hand. »Wo fährst du hin?«
    »Ein bißchen raus aus der Stadt.«
    »Kann ich mitkommen?« fragte Edna.
    »Wenn ich mich auf Motivsuche begebe, möchte ich allein sein - wegen der Inspiration, das weißt du doch.«
    »Ja, natürlich. Ist es nicht schon zu spät? Es ist fast fünf.«
    »Es ist lange hin bis zum Sonnenuntergang. Ich werde dieses wunderbare Schauspiel der Natur in stiller Dankbarkeit genießen, werde eins sein mit der Welt und ihren weichen, warmen Farben, die ein letztes Mal leuchten, bevor die Schwärze der Nacht alles gleichmacht.«
    »Fahr vorsichtig«, sagte Edna. »Und trink nicht zuviel, sonst bist du deinen Führerschein los, dann kannst du dich zu Fuß auf Motivsuche begeben.«
    »Ich brauche den Alkohol, um mich zu stimulieren. Ich bin kein wertloser Säufer, meine Liebe. Wenn ich trinke, tue ich es für die Kunst.«
    »Noch wissen die Leute dieses Opfer nicht zu schätzen«, entgegnete Edna seufzend.
    Purviance verließ das Haus. Früher, in den ersten zwei Ehejahren, hatte er sie zum Abschied immer geküßt, heute hätte er so etwas albern gefunden. Man wird reifer, vernünftiger, abgeklärter. Dieses Geschmuse war etwas für verliebte Dummköpfe und nichts für Ehemänner, die ernst genommen werden wollten.
    Edna trat ans Fenster und schaute ihrem Mann nach. Sie ahnte nicht, daß sie ihn so, wie er jetzt war, nicht Wiedersehen würde. Sie würde einen anderen James Purviance

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