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1441 - Der Seelenfluss

1441 - Der Seelenfluss

Titel: 1441 - Der Seelenfluss
Autoren: Jason Dark
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Ich blickte zum Nachthimmel. Er war nicht schwarz. Für mich zeigte die Farbe ein tiefes Blau, und in dieses Blau war ein kreisrundes Loch geschnitten, aus dem das bleiche Mondlicht schien und die kalte Nacht irgendwie verzauberte.
    Dass wir uns in der Nähe von London befanden, war kaum zu spüren. Wir hätten auch irgendwo in der Einsamkeit des schottischen Hochlands stehen können, denn weitere Gebäude waren nicht zu sehen.
    Der Mann atmete und schluckte. Er wischte über seine feuchten Lippen und deutete wieder an der Wand des Gebäudes hoch, das eher nach einer Scheune als nach einem Wohnhaus aussah.
    »Ich sehe keine Monster«, erklärte ich.
    »Aber sie sind…«
    »Es ist nur der Himmel.«
    Er starrte mich für eine Weile an. Wie jemand, der erst über etwas Bestimmtes nachdenken muss. Schließlich begriff er. »Im Haus – in diesem verdammten Haus.«
    Ich holte tief Luft. Jetzt war alles klar. Ich sollte in dieses Gebäude, das ziemlich baufällig wirkte.
    Es stand frei. Hinter dem Bau gab es eine Erhebung. Es war ein Damm, auf dem Gleise glänzten, die das Mondlicht reflektierten.
    Ein Weg führte nicht zu diesem alten Haus. Ich war querfeldein gefahren, um an diesen Ort zu gelangen.
    In meinem Rücken schützte mich der Wald gegen den scharfen Wind, und ich stellte die nächste Frage.
    »Was steckt in diesem Haus?«
    »Monster!«, schnappte er.
    Ich schloss für einen Moment die Augen. »Okay, ich habe verstanden. Es sind Monster. Aber können Sie sie genauer beschreiben?«
    Er duckte sich etwas. Dabei hob er die Arme und ließ sie schwingen. Er imitierte damit den Flug eines Vogels.
    Und so fragte ich auch: »Vögel?«
    »Nein, schlimmer – Monster.«
    Mir schoss etwas durch den Kopf. »Vielleicht Fledermäuse?«
    »Weiß nicht.«
    Ich schaute an dem Mann vorbei, der Paul hieß – mehr wusste ich nicht –, und konnte nichts Auffälliges entdecken. Das Schreckliche war bisher nicht erschienen, und mich überkam das Gefühl, grundlos hier in der Kälte zu stehen.
    Ich öffnete die Tür noch nicht, denn ich wollte erst warten, bis Suko zu mir gekommen war. Er hatte sich auf der anderen Seite des Gebäudes umsehen wollen.
    Da kein Nebel herrschte und das Mondlicht zusätzlich für eine klare Sicht sorgte, sah ich ihn sehr bald. Er ging durch das hohe Gras und schüttelte dabei den Kopf.
    »Alles ruhig, John.«
    »Hier auch.«
    »Aber da ist was!«, flüsterte Paul. »Das weiß ich genau.«
    Suko schaute dem Mann direkt in die Augen, der unter seinem scharfen Blick zurückwich. Ich hielt mich raus, denn letztendlich war es Sukos Sache. Er hatte mich mitgenommen, weil er von Paul einen Tipp erhalten hatte.
    Paul war ein Halbchinese. Sein Vater stammte aus Hongkong, seine Mutter aus Schottland. Viel mehr wusste er über seine Eltern nicht. Er hatte sich allein durchs Leben schlagen müssen. Als Kind war er bei einem entfernten Verwandten seines Vaters untergekommen. Er hatte dort schuften müssen und war für das weitere Leben hart gemacht worden. Es wäre bei ihm auch so weitergegangen, wenn eine Bombe nicht die Hälfte seiner Adoptivfamilie ausgelöscht hätte. Da war er schon fünfzehn gewesen und hatte sich von nun an allein durchs Leben schlagen müssen. Was ihm recht gut gelungen war. Er hatte Lesen und Schreiben gelernt und auch eine andere Fähigkeit an sich entdeckt.
    Paul konnte malen. Und damit hatte er von nun an sein Geld verdient. Er malte für Touristen, schuf auch Bilder für Einheimische. Er lebte auch weiterhin in seiner Umgebung und hielt dort die Augen und Ohren auf. Irgendwann war er dann abgestürzt. Wahrscheinlich zu viel Alkohol und andere Drogen. Alles war bei ihm kaputt gegangen. Er hatte vor dem Nichts gestanden. Aber er war jetzt clean. Zumindest nahm er kein Rauschgift mehr. Paul schlug sich wieder mit Gelegenheitsarbeiten durchs Leben und hatte irgendwann mal Suko getroffen.
    Nach einigen Gesprächen hatte mein Freund Paul überzeugen können, für Scotland Yard zu arbeiten. Natürlich in inoffizieller Mission, und so hatten wir einen V-Mann gewonnen.
    Im Londoner Chinesenviertel passierte viel. Das meiste drang nicht nach außen. Es ging uns auch nichts an, aber Paul war auf gewisse Dinge angesetzt worden, und nun hatte er Suko den Tipp gegeben, dass in dem Gebäude vor uns etwas Schreckliches geschah.
    »Was ist hier wirklich los, Paul?«
    Der V-Mann schaute meinen Freund an und hob die Schultern.
    »Monster sind hier.«
    »Ich habe nichts gehört.«
    »Ihr müsst

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