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119 - Der Diamantendolch

119 - Der Diamantendolch

Titel: 119 - Der Diamantendolch
Autoren: Dämonenkiller
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Sprung.
    Bhairava wußte, daß der Tiger mit zwei, drei Sprüngen bei ihm sein konnte. Einen Angstschrei ausstoßend, lief er in den Tempelanbau. Eine mit Eisenbändern beschlagene Tür hing schräg in den Angeln.
    Der Geschichtenerzähler lief durch den kurzen Flur darauf zu und riß die Tür auf. Er flüchtete in eine geräumige Kammer und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Tür. Die Augen geschlossen, stemmte er sich in Todesangst und am ganzen Körper zitternd dagegen.
    Vor dem Tempelanbau fauchte und brüllte der Tiger. Jeden Moment erwartete Bhairava den Anprall des schweren, muskelstrotzenden Körpers.
    Aber der Tiger kam nicht in den Tempelanbau. Offenbar war ihm das Gebäude aus irgendwelchen Gründen nicht geheuer.
    Nach ein paar Minuten atmete Bhairava ein wenig auf. Sein Herz hämmerte nicht mehr gar so sehr. Er schöpfte wieder ein bißchen Hoffnung.
    Der Tiger kratzte draußen an den Tempelmauern. Er fauchte und winselte nun. Bhairava hoffte, daß er bald weiterziehen und sich eine andere Beute suchen würde.
    „Großer Shiva!" flüsterte er. „Rette mich vor diesem Untier! Ich verspreche dir auch, daß ich ein anderes besseres Leben anfange und deine Gebote achte. Ganz bestimmt werde ich das tun. Aber schaff mir nur diesen Tiger vom Hals und hilf mir aus dem Dschungel und dem Machtbereich des grausamen Königs Devadatta heraus! Wenn du außerdem dafür sorgen könntest, daß ich möglichst gleich morgen auf Menschen stoße und endlich etwas Ordentliches zwischen die Zähne bekomme, wäre mir das auch sehr recht."
    Bhairava dachte sich, daß Shiva gleich ganze Sache machen könnte, wenn er schon etwas für ihn tat. Der Tiger hatte aufgehört, an den Mauern zu kratzen. Bhairava atmete aus tiefstem Herzen auf. Er wischte sich den Angstschweiß von der Stirn.
    Jetzt erst sah er sich in dem Raum um, in den er geraten war. Ein neuer Schrecken erwartete ihn. Seine Augen hatten sich inzwischen an die Dunkelheit gewöhnt, und er sah seine Umgebung deutlich.
    Fünf Gestalten saßen reglos im Kreis auf dem Boden, im Lotossitz, die Augen geschlossen. Wie Bhairava selbst, trugen auch sie nur Lendenschurze und Turbane. Es handelte sich um fünf so hagere und sehnige Männer, daß man jeden Muskel unter ihrer Haut erkennen konnte. Es waren Sannyasin, Asketen, heilige Männer, denen besondere Kräfte zugeschrieben wurden.
    Während Bhairava sie beobachtete, bewegten sie sich um keinen Zoll und zuckten mit keiner Wimper, so waren sie in Meditation versunken.
    Bhairava wartete eine ganze Zeit. Dann stemmte er einen Holzpfahl gegen die Tür, den er an der Wand hatte liegen sehen. Zögernd näherte er sich den fünf Asketen und räusperte sich.
    „Ein wilder Tiger hat mich hierher getrieben", sagte er. „Ich hätte mir sonst nie erlaubt, eure Versenkung zu stören."
    Die fünf Asketen antworteten nicht und regten sich nicht.
    „Mein Name ist Bhairava. Ich bin ein Barde."
    Wieder erhielt Bhairava keine Antwort. Es war, als befänden sich die Asketen in einer anderen Welt oder als wäre er für sie weniger als eine Fliege, die sie ansummte.
    Bhairava zog sich zurück. Die starre Ruhe der Asketen hatte etwas Unheimliches. Der Geschichtenerzähler bekam es wieder mit der Angst zu tun. Zu seinem Repertoire gehörten ein paar Anekdoten, was mit vorwitzigen Leuten geschehen war, die es gewagt hatten, heilige Männer in ihrer Meditation zu stören. Bhairava überlegte, was diese fünf Asketen wohl mitten im Dschungel machten und wozu sie sich in diesem Tempel befanden.
    Seinen ganzen Mut zusammennehmend, näherte er sich emeut einem der Asketen und berührte ihn. Der Körper des Sannyasin war nicht kalt, aber kühl. Bhairava wagte es sogar, seine Hände anzufassen. Zuerst glaubte er, der Asket hätte überhaupt keinen Pulsschlag mehr, dann aber spürte er das Pochen; es waren nicht mehr als drei, vier Pulsschläge in der Minute.
    Die Asketen hatten ihre Körperfunktionen fast zum Stillstand gebracht.
    Bhairava war nun noch unheimlicher zumute. Die Meditation des Asketen mußte einem bestimmten Zweck dienen, den er nicht ergründen konnte. Nach der Art der Meditation mußte es sich um etwas von großer Bedeutung handeln.
    Bhairava würde eine schlimme Strafe ereilen, wenn er die Asketen störte oder weiter mit seiner Anwesenheit belästigte; davon war er überzeugt.
    Außer der Tür, die er verrammelt hatte, gab es noch zwei weitere in dem recht großen Raum. Bhairava ging zu der einen hin, die ins Innere des großen

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