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117 - Der Zauberspiegel

117 - Der Zauberspiegel

Titel: 117 - Der Zauberspiegel
Autoren: Dämonenkiller
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Sheila Pearson ging an einem kahlen Kastanienbaum vorbei und blieb vor dem Haus Nummer 76 in der Downing Street stehen. Zehn ausgetretene Steinstufen führten zur Eingangstür hoch.
    Interessiert betrachtete sie das uralte Backsteinhaus, dessen Fenster dunkel waren. Sie wandte den Kopf um, als sie schlürfende Schritte hörte.
    Ein weißhaariger alter Neger kam auf sie zu, musterte sie gleichgültig und ging weiter. Seine Schuhe knarrten bei jedem Schritt.
    Irgendwie war ihr das Haus unheimlich. Ein unerklärliches Gefühl einer drohenden Gefahr ließ sie zögern. Schließlich hob sie die Schultern, schalt sich innerlich eine Närrin und trat auf die erste Stufe.
    Während sie die Treppe hochstieg, blickte sie rasch nach links und rechts. Die schmale Straße war menschenleer. Der heftige Herbstwind trieb Blätter und Zeitungsfetzen vor sich her und fing sich in ihrem schulterlangen, aschblonden Haar.
    Vor der Treppe blieb Sheila stirnrunzelnd stehen. Ihr Blick fiel auf ein kleines Messingschild, auf dem
Jason Brown
stand. Sie suchte nach einem Klingelknopf, fand aber keinen. Überlegend trat sie einen Schritt zurück und vergrub ihre Hände in den aufgenähten Taschen ihres Mantels. Die Adresse stimmte.
    In einem der Fenster im ersten Stockwerk flammte plötzlich Licht auf, das aber nach wenigen Sekunden wieder erlosch.
    Mutig geworden, klopfte Sheila an die Tür, die ein Stück aufglitt. Unschlüssig wartete sie einen Augenblick, stieß dann die Tür weiter auf und betrat einen dunklen Raum, der nur von der Straßenbeleuchtung erhellt wurde.
    „Mr. Brown?" fragte sie mit heiserer Stimme.
    Die Wände waren gelb, der Parkettboden funkelte. Sie sah zwei hohe Flügeltüren, von denen eine einen Spalt offenstand. Zwischen den Türen hing ein kostbarer Spiegel, der in einem vergoldeten Kiefernholzrahmen steckte, an dessen unteren Ende sich zwei Kerzenleuchter aus Goldbronze befanden.
    Das Gefühl der drohenden Gefahr wurde stärker. Langsam schritt Sheila auf den Spiegel zu und blieb stehen. Einen Augenblick betrachtete sie ihr Spiegelbild. Ihr Gesicht war ein bleiches Oval, umrahmt von glattem Haar, das in dem diffusen Licht wie Silber schimmerte.
    Zögernd zog sie die Tür auf und gelangte in einen gewaltigen Raum, dessen Wände holzgetäfelt waren. Auf einem Aubusson-Tapisserteppich standen Englische Regencymöbel: ein kreisrunder Tisch, drei Armstühle, eine Kommode und eine mächtige Standuhr. Auf dem Tisch brannten drei Kerzen, die in einem goldenen Kerzenständer steckten. Die faustdicken Kerzen waren heruntergebrannt und konnten jeden Augenblick erlöschen. Ein seltsam süßlicher Geruch hing im Zimmer.
    Aufmerksam blickte sich Sheila um. Die Einrichtung des Zimmers gefiel ihr. Eine der Kerzen erlosch, und ein dünner Rauchfaden stieg zur Decke empor.
    „Hallo?" rief sie laut. „Ist da jemand?"
    Das Gefühl, von unsichtbaren Augen verfolgt zu werden, verstärkte sich von Sekunde zu Sekunde. Rasch wandte sie den Kopf um, doch das Zimmer war leer. Aus den Augenwinkeln sah sie eine Bewegung und drehte den Kopf nach rechts; doch nichts war zu entdecken.
    Sheila schüttelte den Kopf. Sie wunderte sich, daß sich niemand zu ihrer Begrüßung eingefunden hatte, obzwar sie ihren Besuch telefonisch angekündigt hatte. Eine Freundin hatte ihr erzählt, daß Jason Brown eine umfangreiche Spiegelsammlung besäße, die er verkaufen wollte.
    Der Teppich dämpfte ihre Schritte. Unwillig öffnete sie eine Tür und blieb geblendet stehen. Nie zuvor hatte sie einen ähnlichen Raum gesehen.
    Der große Raum war halbrund und wurde durch einen Hängelüster aus Bergkristall und Silber erleuchtet.
    An den Wänden hingen über hundert verschiedengroße Spiegel, die aus den verschiedensten Stilepochen stammten.
    Der Luster drehte sich langsam, und sein Licht brach sich in den Spiegeln.
    Sheila kniff die Augen zusammen und taumelte in das Spiegelzimmer. Vor einem hohen venezianischen Spiegel blieb sie stehen. Sie sah sich selbst aus unzähligen Perspektiven. Das gleißende Licht schmerzte sie. Ihr stockte der Atem, und für einen Augenblick schloß sie die Augen.
    Das Licht erlosch, und Sheila riß die Augen auf. Die Tür fiel mit einem lauten Krach ins Schloß, und sie zuckte entsetzt zusammen. Ihr Herz schlug schneller. Sie lief 'auf die Tür zu, packte die Klinke und drückte sie verzweifelt nieder. Doch die Tür ließ sich nicht öffnen.
    Als sie das Sinnlose ihres Bemühens erkannte, trat sie einen Schritt zurück und öffnete

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