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0973 - Das verfluchte Volk

0973 - Das verfluchte Volk

Titel: 0973 - Das verfluchte Volk
Autoren: Andreas Balzer
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Tagebuch von Friedrich Dörfler,
    3. September 1801
    Ich wünsche ihm einen frühen, langsamen und qualvollen Tod. Seit dieser Alexander von Humboldt in der Stadt ist, bin ich endgültig Luft für die so genannte höhere Gesellschaft. Wieso musste ich ausgerechnet in diesem Teil der Welt stranden, ohne Geld, ohne nennenswerte Kontakte und ohne Hoffnung, je wieder von hier fortzukommen?
    All meine Versuche, eine weitere Expedition zu finanzieren, sind gescheitert. Bei meinem letzten Versuch, einen der überheblichen Geldsäcke dieser Eiterbeule des spanischen Reiches dazu zu überreden, in meine Unternehmungen zu investieren, wurde ich als »Scharlatan« beschimpft und mit Fußtritten verjagt. Und das mir, der ich mehr von der Welt gesehen habe als all diese feisten Geldsäcke zusammen.
    Ich habe Eiswüsten durchquert, in denen es den Teufel selbst gefröstelt hätte, und auf brodelnden Vulkanen ins lodernde Feuer der Hölle geblickt. Ich habe Königinnen vergessener Reiche geliebt und mit Kannibalen Blutsbrüderschaft geschlossen. Während sie im Namen des spanischen Königs und ihrer eigenen Geldbörsen die Bevölkerung Neugranadas ( Das spanische Vizekönigreich Neugranada umfasste die heutigen Staaten Venezuela, Kolumbien, Panama und Ecuador. ) immer weiter ausgepresst haben, habe ich meinen nicht unbescheidenen Beitrag dazu geleistet, dass die weißen Flecken auf der Landkarte immer kleiner werden.
    Und was ist der Dank? Sie nennen mich einen vaterlandslosen Vagabunden, weil ich mich weigere, meine Arbeit in den Dienst eines einzigen Herrn zu stellen. Einen windigen Abenteurer, weil ich es nur recht und billig finde, dass bei meinen lebensgefährlichen Unternehmungen auch etwas für mich abspringt (auch wenn das in letzter Zeit nicht so recht gelingen wollte).
    Was unterscheidet mich von Humboldt, den sie anbeten, als sei er der verdammte Heiland persönlich? Ich bin ihm zwei-, dreimal auf meinen Reisen begegnet, und auf mich wirkte er auch nur wie ein normaler Sterblicher. Morgen gibt der preußische Gesandte einen, Empfang für den hochverehrten Gast, und ich bin sogar eingeladen. Vermutlich aus reinem Mitleid. Oder sie suchen jemanden, den sie nach Herzenslust verspotten können. Gleichviel, ich werde hingehen. Vielleicht findet sich ja doch jemand, den ich für meine Unternehmungen begeistern kann. Und wenn nicht, gibt es wenigstens mal wieder eine anständige Mahlzeit.
    Wenn ich nur einen gescheiten Frack auftreiben kann…
    ***
    Gegenwart, Kolumbien am Rand der Todeszone
    Antonio Álvarez stand auf seiner Veranda, rauchte einen Zigarillo nach dem anderen und verfluchte die Welt, die sich gegen ihn verschworen hatte. Sicher, ihm gehörten riesige Zuckerplantagen, die ihn zu einem der reichsten Männer Kolumbiens gemacht hatten. Jeder, der in diesem dünn besiedelten Landstrich lebte, arbeitete ent- -weder direkt für ihn oder war sonst wie von ihm abhängig. Nur sehr wenige hatten es in den vergangen Jahrzehnten gewagt, sich ihm entgegenzustellen. Dahergelaufene Gewerkschafter, die sich erdreistet hatten, für seine Arbeiter mehr Lohn zu fordern. Dumme Bauern, die ihren lächerlichen Grundbesitz nicht für die Erweiterung seiner Plantagen hatten verkaufen wollen.
    Álvarez hatte das Entsetzen in ihren Augen genossen, wenn er sie in der Arena, seinem eigenen kleinen Kolosseum zur Unterhaltung seiner Untergebenen von wilden Bestien hatte zerreißen lassen.
    Bestrafe einen, erziehe hundert - ein sehr ökonomisches Prinzip.
    Doch wenn Antonio Álvarez jetzt in die Augen seiner Untergebenen blickte, glaubte er dort nur Hohn und Spott zu entdecken. Viele hatte er dafür züchtigen lassen, doch es nützte nichts. Der Geist der Insubordination breitete sich immer weiter aus. Hier ein abfälliges Lächeln, da ein nachlässig gebügeltes Hemd oder ein viel zu lange gebratenes Steak. Es waren die kleinen Dinge, die bewiesen, dass sein Volk seine allumfassende Macht nicht mehr anerkannte. Sich heimlich über ihn lustig machte.
    Oder bildete er sich das nur ein?
    Don Antonio trat den bis zur Spitze niedergebrannten Stummel seines Zigarillos aus und zündete sich gleich einen neuen an. Über die rötliche Glut hinweg starrte er in den düsteren Dschungel, der sein prächtiges Anwesen umgab, und dachte an die räuberischen Kreaturen, die sich in der undurchdringlichen Finsternis verbargen.
    Bizarre Wesen, die es nach allen Gesetzen der Logik nicht geben durfte. Wie die gigantische Gottesanbeterin, die seine Männer vor

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