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0923 - Die Henkerin

0923 - Die Henkerin

Titel: 0923 - Die Henkerin
Autoren: Jason Dark
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Sie hielt den Griff des ungewöhnlichen Schwertes mit beiden Händen fest umklammert, während sie im Dunkel der Halle stand. Die Dienerschaft war längst zu Bett gegangen. Draußen wob die Nacht ihr Gespinst um die Mauern, und das Rauschen der nicht weit entfernten Brandung war in dieser Stille besonders deutlich zu hören.
    Carlotta trug ein Kleid aus blutrotem Stoff. Reifen hielten die Unterkleider und den Rock in Form.
    Der Ausschnitt des Kleides war sehr gewagt. Er bot einen tiefen Einblick auf die Brüste, und man sah mitten in diesem wohlgeformten Tal den steinernen Anhänger einer Kette. Eine Mähne aus schwarzbraunen Haaren, umwogte ihren Kopf. Sonst trug sie die Haare streng zurückgekämmt, jetzt aber gab sie sich ungezwungen. Die offene Flut umspielte ihren Kopf und das Gesicht mit den wilden Zügen und den blitzenden Augen.
    Carlotta war ein Weib, das alle Männer begehrten. Sie wußte es, sie verglich sich selbst mit einem Vulkan, und sie wußte auch, daß sie es zu weit getrieben hatte.
    Sie war nicht vorsichtig genug gewesen. Ihr Mann würde es sie büßen lassen, das hatte man ihr zugeflüstert. Doch bevor es dazu kam, wollte sie alle Brücken hinter sich abbrechen. In dieser Nacht, denn eine andere würde es für sie nicht geben, weil Don Alfonso bereits einen Freund hatte ins Schloß kommen lassen, mit dem er über gewisse Dinge sprechen wollte.
    Beide waren zu einem Entschluß gelangt, das stand fest. Und hinter diesem Entschluß lauerte ein Wort, das Angst und Schrecken verbreitete.
    Die Heilige Inquisition!
    Carlotta wußte sehr genau, was dort passierte. Sie hatte genug von diesen Greueltaten gehört. Von der Folter, den Quälereien, die Frauen und Männer trafen, und sie würde sich dieser Tortur nicht unterziehen. Vorher wollte sie Schluß machen.
    Sie war aus dem Gewölbe nach oben gestiegen. Die Waffe hatte sie zwischen den Weinfässern versteckt gehabt. Es war kein Schwert, wie es sich einer Henkerin geziemt hätte, es war eine Machete, die ein Freund von einer Reise in die Fremde mitgebracht hatte. Eine höllisch scharfe Klinge, die in den falschen Händen eine große Gefahr darstellte.
    Carlotta stieg die breite Treppe hoch. In der rechten Hand hielt sie die Waffe. Mit der linken hob sie ihre Röcke an, um auf den Stufen nicht zu stolpern.
    Licht brauchte sie nicht. Dieses Schloß war zu ihrer Heimat geworden. Sie liebte es sogar, zumindest dann, wenn Don Alfonso, ihr Gatte, auf Reisen war.
    Ansonsten hätte sie auch mit einer Hütte vorliebgenommen, wenn es ihr nur immer vergönnt gewesen wäre, ihrem Trieb nachzugehen. Sie brauchte nicht nur einen Mann, sie wollte mehr, aber ihr Mann wollte etwas anderes. Kinder, viele Kinder, doch das lehnte sie ab. Kinder hätten ihr Leben zerstört. Carlotta wollte es genießen, und sie wußte, daß sie keine gute Mutter sein würde.
    Carlotta wollte nicht an das Leben einer Gefangenen denken, denn als nichts anderes fühlte sie sich, und sie nickte sich selbst zu, als sie die Treppe hinter sich gelassen hatte und in einem sehr breiten Gang stehenblieb.
    Zwei Lichter flackerten wie unruhige Geister in einem schwachen Durchzug. Es waren Kerzenflammen. Jeweils drei dicke Kerzen standen in den Schalen und tauchten den Gang in flackerndes Licht.
    Auch sie war ein Schatten. Das dunkelrote Kleid hob sich kaum von der Bodenfläche ab. Je mehr sie sich dem Licht näherte, um so stärker und größer wurde der Schatten, den sie warf. Er wanderte an einer der beiden Wände entlang, und plötzlich fing sie an zu lächeln, als sie daran dachte, wie sehr sie auf zwei getrennte Schlafräume bestanden hatte. Ihr Mann hatte zugestimmt, zwar nicht fröhlich, aber es war ihm nichts anderes übriggeblieben.
    Carlotta gehörte zu den bösen Frauen, und sie war sogar stolz darauf. Ihr Inneres war schwarz wie die Seele eines Mörders. Sie liebte Spiele, vor denen sich andere fürchteten. Sie mochte den Teufel und sein Reich. Sie wartete darauf, mit ihm buhlen zu können, denn man hatte ihr gesagt, daß niemand anderer den Trieb einer wilden Frau so befriedigen konnte wie eben der Satan.
    Ihr Mann ahnte etwas.
    Und sein Freund ebenfalls.
    Sie hatten es ihr nie direkt gesagt, doch Carlotta hatte so etwas wie das Zweite Gesicht. Sie konnte genau spüren, daß mehr dahintersteckte. Dieser Godwin war nicht grundlos so schnell erschienen.
    Vor der Tür des Schlafraums blieb sie stehen. Sie schwenkte die Waffe leicht hin und her, fuhr dann mit dem Finger über die Schneide,

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