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0907 - Die blutenden Bäume

0907 - Die blutenden Bäume

Titel: 0907 - Die blutenden Bäume
Autoren: Jason Dark
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bin, Herr Müller?«
    »Das ist mir bekannt, und es war auch gut, daß Sie Ihren Freund haben kommen lassen.«
    »Der leider im Wagen sitzt.«
    »So war es abgemacht.«
    »Ich begreife den Grund nicht.«
    »Dies ist hier ein Hochsicherungstrakt, und nur wenige Menschen haben Zutritt.«
    »Trauen Sie John Sinclair nicht?«
    »Das hat damit nichts zu tun, Herr Stahl. Hier geht es um Vorschriften.«
    »Aha.«
    »Kommen Sie jetzt mit!« Müller trat an die nahe Tür heran und drückte mit dem Zeigefinger auf einen weißen Klingelknopf an der Seite.
    Wieder hörte Harry die Stimme aus einem Lautsprecher. Er wurde gefragt, wer sie waren, und Müller nannte eine Codenummer. Danach wurde ihnen geöffnet.
    In diesem Komplex gab es überhaupt keine Räume, die als wohnlich bezeichnet werden konnten. Bestimmt war auch das Büro des Direktors so mies, aber dort würde Harry nicht hingehen. Der Mann, um den es ging, hielt sich in der Zelle mit den kahlen Wänden auf, im Rücken eine zweite Tür, kein Fenster in der Wand, bewacht von zwei kräftigen Aufpassern, die Müller mit einer knappen Handbewegung wegschickte.
    Er holte sich einen Stuhl heran, was auch Harry Stahl tat, und beide setzten sich dem Mann in der grauen Knastkleidung gegenüber. Nur getrennt durch einen Tisch.
    Harry schaute sich den Knaben an, der war ungefähr dreißig. Sein blondes Haar wuchs struppig auf dem kantig wirkenden Kopf. Der Nacken war ausrasiert worden. Das Gesicht wirkte hölzern, es gab kaum abgerundete Flächen. Die Nase, die Wangenknochen, die Stirn, selbst die blaßblauen Augen schimmerten so.
    Der Gefangene machte einen ruhigen Eindruck. Die gefalteten Hände hatte er auf den Tisch gelegt. Harry stellte allerdings fest, daß er Handschellen trug, und sicherlich nicht zu unrecht. Er kannte nur den Namen des Blonden. Der Knastbruder hieß Horst Grote, und er hatte vor seiner Tat in einer Gärtnerei gearbeitet.
    Müller lächelte kalt. »Wir sind hier, Grote, wie ich es Ihnen versprochen habe.«
    »Na und?«
    »Sie wissen, was auf dem Spiel steht?«
    »Nein.«
    »Ihre Anklage, Grote, die sich gewaschen hat, aber es kommt noch etwas hinzu, über das wir uns gern mit Ihnen unterhalten wollen.«
    Der Angesprochene lehnte sich zurück. »Was ist denn, wenn ich das nicht will, Müller?«
    »Das wäre schlecht für Sie. Ich habe extra einen Kollegen mitgebracht, der sich um Sie und Ihren Fall kümmern wird. Es ist Harry Stahl. Nur damit Sie wissen, mit wem Sie es zu tun haben.«
    Harry sah den Blick des Mannes auf sich gerichtet. Er war böse und ablehnend.
    Müller griff in seine Innentasche. Er holte Blätter hervor und faltete sie zu einer DIN-A4-Größe auseinander. »Ich habe hier ein Protokoll, über das ich schon mit Ihnen sprach. Sie haben gestanden, daß Sie…«
    »Ich habe nichts gestanden, Meister!«
    Müller ließ sich nicht beirren. »Sie haben gestanden, daß Sie sich so irre und wahnsinnig kraftvoll fühlten. Daß Ihr Leben plötzlich wieder den Kick bekommen hatte, den Sie so sehr vermißten. Die Spannung, die es brauchte, und Sie haben ferner nicht verhindern können, daß Sie bei diesem Verhör, das für sie eine Streßsituation darstellte, anfingen zu bluten. Nicht normal zu bluten, sondern bluteten wie ein Schwein, wenn ich das so sagen darf. Sie bluteten aus dem Mund, dem Gesicht, den Fingern, und sie fühlten sich dabei noch wohl. Wollen Sie sagen, daß so etwas normal ist?«
    Horst Grote schwieg und lächelte.
    »Wir warten.«
    »Für Sie ist so etwas nicht normal, Müller.«
    »Da haben Sie recht, Grote, ich kann mir auch nicht vorstellen, daß es für Sie normal ist.«
    »Es kommt darauf an.«
    »Auf was?«
    »Auf gewisse Dinge, von denen Sie keine Ahnung haben.«
    »Wunderbar. Deshalb sind wir zu Ihnen gekommen. Sie sollen uns diese Ahnung geben.«
    Grote bekam große Augen. Er übertrieb seine Schauspielerei, als er staunte und sich nach vorn beugte. »Sagen Sie mal, Müller, haben Sie noch alle Tassen im Schrank? Ich soll hier den Lolly für Sie spielen? Ich soll Ihnen etwas verraten? Ich werde nichts sage, gar nichts.«
    »Das habe ich befürchtet«, erklärte Müller. »Aber Sie geben zu, daß sie geblutet haben.«
    »Jeder hat mal geblutet. Sie doch auch.«
    »Aber nicht so!«
    Grote hob die Schultern. »Darin unterscheiden wir uns eben. Oder ist es verboten zu bluten? Ist es wieder soweit?«
    »Reden Sie keinen Mist, Grote. Sie wissen genau, was ich meine und wie Sie geblutet haben. Es quoll aus vielen Poren und

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