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0907 - Die blutenden Bäume

0907 - Die blutenden Bäume

Titel: 0907 - Die blutenden Bäume
Autoren: Jason Dark
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war für ihn ein großes Vergnügen, eine herrliche Last, die er gern auf sich nahm.
    Kraft!
    Die Kraft des Baumes, die bald seine eigene sein würde. Das fremde Blut aus tiefer Erde, das in die Bäume gestiegen war, würde ihm wieder den neuen Mut geben.
    Er trank es. Für einen Moment kam ihm in den Sinn, ein Vampir zu sein.
    Es war nur ein flüchtiger Gedanke, nicht mehr als ein Nebelstreif, der vom Sonnenlicht zerstört wurde.
    Mit beiden Armen hielt er den Stamm fest. Sein Kopf bewegte sich heftig und zuckend, dabei stieß er mit der Zunge gegen die harte Rinde des Baumes, die dort aufgerissen war, wo das Blut heraustropfte.
    Fritz Raskin rutschte an dem Stamm entlang nach unten und kniete sich hin.
    Natürlich mit offenem Mund, so daß er mit seinen Lippen und der Zunge die blutende Seele des Baumes so richtig genießen konnte. Er spurte die Hitze in seinem Körper, die sieh mit dem Blut vermischte und zu einem heißen Dampf wurde.
    Es war wunderbar.
    Er stöhnte.
    Und der Baum gab ihm Antwort. Das leise Knirschen der Rinde, das Schmatzen, das Gluckern, das Sprudeln der Tropfen, die sich zu einer Perlenkette aufreihten und dunkle Streifen an der helleren Rinde hinterließen.
    Raskin kniete breitbeinig vor den Stamm. Mit flinken Fingern drückte er sich dem Blutstrom entgegen. Er nahm ihn auf, er leckte die Flüssigkeit ab, er war einfach in Form. Er gönnte sich diese Kraftquelle, die auch ihn wieder aufputschte.
    Es war wunderbar.
    Wie lange er sich mit dem Baum beschäftigt hatte, konnte er beim besten Willen nicht sagen. Die anderen Stämme schauten zu, auch sie bluteten leicht.
    Der Himmel mit seinen Sternenlöchern war ebenfalls zu einem Zeugen geworden, und die Zweige der Bäume bewegten sich hin und wieder, wenn ein Vogel von ihnen aus startete.
    Eine dunkle Nacht, eine herrliche Nacht, von deren Kraft Fritz Raskin ein wenig übernommen hatte.
    Er stellte sich wieder normal hin. Ein Stöhnen drang aus seinem Mund.
    Es tat ihm gut, so wahnsinnig gut. Er war jetzt satt, und er war zufrieden.
    Er fühlte sich kräftig, er traute sich sogar zu, die Bäume der Reihe nach zu packen und aus dem Boden zu zerren. Das wäre natürlich nicht gut gewesen, aber dieses neue Gefühl bewies ihm auf der anderen Seite, daß er wieder jemand war. Seine Feinde mußten sich vor ihm vorsehen.
    Spannkraft - das genau war der richtige Ausdruck. Spannkraft, die sich mit dem Wort Trieb ebenfalls beschreiben ließ. Er brauchte eine Frau, er wollte mit ihr die irresten Dinge tun. Er war ein Riese und würde diesem weiblichen Wesen alles beweisen.
    Superman - nicht ganz so, aber fast. Das Blut der Birke kochte in seinem Innern. Es rann durch die Adern wie heiße Lava. Es war einfach sensationell. Er hatte Mühe, mit beiden Beinen auf dem Boden zu bleiben. Er wollte sich abstützen, in die Höhe springen und mit Siebenmeilenstiefeln die Entfernungen locker überwinden.
    Raskin war jetzt wer. Nicht mehr nur der kleine Pinscher, der Vertreter, der durch die Lande geschickt wurde, um den Buchhändlern die neuesten Werke seines Verlags aufzuschwatzen. Nach dem Genuß des Blutes war er zu einem Riesen geworden, der sich vor nichts und niemandem fürchtete.
    War Raskin vor kurzem noch durch den Wald getorkelt und beinahe am Ende seiner Kräfte, so fühlte er sich nun topfit. Er fühlte sich stark. So stark wie diese Bäume hier, die auch durch die Kraft des Blutes sehr bald erblühen würden. Noch mußte er das Geheimnis nicht mit zu vielen Personen teilen. Wenn einmal die Presse davon erfuhr, dann war es aus, dann würde dieser Ort in der Nähe von Bamberg zu einer regelrechten Wallfahrtsstätte werden, und das mußte auf jeden Fall verhindert werden.
    Fritz Raskin schaute sich noch einmal um. Er lächelte dabei. Auch seine Augen hatten einen anderen Glanz bekommen. Sie waren nicht mehr müde, sondern zeigten einen unbeirrbaren Blick. Den Blick eines Menschen, der sehr genau wußte, was Sache war.
    Sein Leben ging weiter.
    Und es ging besser weiter, davon war er überzeugt.
    Bevor er ging, verbeugte er sich. Raskin brachte den Bäumen die Demut entgegen, die sie auch verdienten. Er wußte genau, was er ihnen zu verdanken hatte.
    Danach machte er sich auf den Rückweg.
    Diesmal steckte er voller Tatendrang!
    ***
    Harry Stahl hatte seinen Begleiter im Wagen zurückgelassen, war an die Pforte des Zuchthauses getreten und hatte sich über eine Sprechanlage mit dem Wächter dicht hinter dem Tor in Verbindung gesetzt. Man hatte ihm gesagt, daß

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